Sonntag, Januar 08, 2012

Ziemlich guter deutscher Filmtitel

Ziemlich beste Freunde
(Intouchables)
FRA 2011 110 Min
von Eric Toledano, Olivier Nakache
mit Francois Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Andrey Fleurot
Kino (Senator)

Philippe ist vermögend, belesen, mit eigenem Hofstaat – und vom Hals abwärts gelähmt. In eine Vorstellungsrunde für den Job seines Pflegers platzt der farbige Driss herein. Philippe ist fasziniert von seiner Unbekümmertheit und stellt in zur Probe ein.

Die Zahl ist imposant…Können 16 Millionen Kinozuschauer in Frankreich irren? Bei vielleicht der filmaffinsten Nation auf diesem Planeten eigentlich unvorstellbar. Aber…
Kein Aber. „Ziemlich beste Freunde“ ist Wohlfühl-Kino vom feinsten. Ein Film, bei dem die eigene Filmleidenschaft mit einem breiten Grinsen naturbekifft mit im Kinosessel sitzt und vor Vergnügen schnurrt. Und er beweist wieder einmal, dass es bei einem Film nicht darauf ankommt, wie neu oder „innovativ“ die Geschichte oder deren Erzählweise denn nun ist, sondern vielmehr darauf, wie die Geschichte zum Leben erweckt wird. „Intouchables“ ist oberflächlich ein typisches Buddy-Movie mit der üblichen Dramaturgie und dem immer wieder gern benutzten Prinzip der charakterlichen wie sozialen Gegensätze, die sich anziehen. Eine unprätentiöse Regie, ein gekonntes Drehbuch mit lebendigen Dialogen, ein unaufgeregtes und zugleich hochpräsentes Darstellerensemble sowie eine zurückhaltende, klavierbasierte Filmmusik machen daraus ein leichtfüßiges, charmantes, lebendiges Stückchen Filmkunst. Die wohl größte Leistung aller Beteiligten liegt dabei in der Weigerung, die der Geschichte naheliegenden Klischees ausschlachten zu wollen. Rückblenden in Philipps Phase der Depression nach seinem Unfall und dessen schwieriger Weg sein Schicksal anzunehmen? Fehlanzeige. Driss Gefägnisaufenthalt plus Vorgeschichte? Wird einmal erwähnt. Die Schilderung des „harten Ghettolebens“ von Driss? Kein Rap, keine Waffen, keine „Mutterficker“-Sprache, lediglich Andeutungen der schwierigen Lebens- und Familiensituation. Überhaupt, dem Film sind Andeutungen wichtiger als Plakativität, die Geste zählt mehr als künstliche, „message-schreiende“ Dialogkonstruktionen. Der Film thematisiert auch nicht das Handicap einer Lähmung mit den Folgeerscheinungen Mitleid und Andersartigkeit. Sein Hauptanliegen ist die ungebrochene Lebenslust seiner Charaktere, die Versöhnung mit der eigenen Familie, die Überbrückung von sozialen und ethischen Gegensätzen. Das alles im Gewande eines wohl ausbalancierten Filmes, der  in Sachen Humor und Albernheit niemals peinlich, und in Nachdenklichkeit und Traurigkeit niemals larmoyant und tragisch wird. Somit lässt sich dann auch die Vernarrtheit des französischen Publikums in den Film nachvollziehen.

Wann hatte eigentlich ein deutscher Film mit gesellschaftlicher Relevanz hierzulande einen derartigen Zuschauerzuspruch? Hmmm, muss ich mal meine Großeltern fragen…

Dienstag, Oktober 18, 2011

Dunkel

Hell
D/CH 2011 89 Min
von Tim Fehlbaum
mit Hannah Herzsprung, Stipe Erceg, Lars Eidinger
Paramount Deutschland (Kino)

Hmmm, ein deutscher Horrorfilm… ist immer noch in der hiesigen Filmlandschaft ein Einzelgänger. Irgendwie immer ein ungeliebtes Kind in Filmförderanstalten. Schmuddel-Image, niedere Kultur, Verherrlichung niederer Gelüste… Dabei hatte Deutschland eine lebendige Horrorfilmtradition, damals in den 20er Jahren. Bis nach dem Spuk des 2. Weltkrieges der Horrorfilm keine wirkliche Heimat mehr hierzulande fand, zu nah rückten seine Bilder und Topoi wohl an die Erinnerungen jüngster deutscher Verbrechen heran. Dabei liegen die Tendenzen des deutschen Kinos ja durchaus im Bereich der schweren, düsteren, elegischen und tragischen Geschichten – wie das hiesige Arthousekino stets beweist. Locker, luftig, leicht – dafür sind die Franzosen da… Demzufolge müsste doch der Horrorfilm eigentlich öfter das Mittel der Wahl sein, um in dessen Genre-Geäst Einblicke in die Beschaffenheit der heutigen Zeit zu implementieren. Dass der Horrorfilm mit sozio-kritischem Unterton funktionieren kann, haben die 70er Jahre gezeigt und dabei eine ganze Reihe an Genreklassikern hervorgebracht: Last House on the Left, Deathdream, It’s alive, Crazies oder Texas Chainsaw Massacre.  Womit wir schon die Brücke zu Tim Fehlbaums Film haben…(und hier beginnen dann wohl die Spoiler!)

Denn Hell stellt eine recht gelungene Mischung aus Endzeitstreifen und Backwood-Horror dar und beweist, dass die Drehbuchautoren Tobe Hoopers Mär von der kannibalistischen Großfamilie kennen – und zitieren. Wo im Original die Industrialisierung und der damit einhergehende Verlust des Arbeitsplatzes (in dem Fall als Schlachter, der Vater wie Söhne betrifft) die Familie in den Kannibalismus abdriften lässt, ist es hier die Utopie einer Welt nach der Klimakatastrophe und der damit verbundenen Notsituation. Die Erderwärmung hat um 10 Grad zugenommen, der Sonne gleißendes Licht (den Filmtitel kann man in dieser Hinsicht sowohl als englisches wie als deutsches Wort begreifen) verbrennt die Haut und vertrocknet den Boden. Nur wenige Menschen haben überlebt, Wasser und Nahrung sind rar. Ob deswegen die Filmbewertungsstelle aus Wiesbaden dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“  zugesprochen hat? Mit dem Ökothema liegt der Film jedenfalls im Trend. Nur benutzt der Film dieses lediglich als Ausgangslage, legt seinen Fokus auf die zwischenmenschliche Dramatik, auf die Frage nach dem Umgang miteinander und der Veränderung der Werte und Normen angesichts der existenzbedrohenden Ausnahmesituation.

Den Ausführungen liegt es schon nahe – Hell erfindet das Rad nicht neu und hat auch dem Genrekanon inhaltlich nichts neues hinzuzufügen. Bemerkens- und anschauenswert ist er aber aufgrund seiner visuellen wie strategischen Machart. Die überbelichteten, ausgebleichten Aufnahmen verfehlen ihre Wirkung nicht und tragen ihren Teil zur gelungenen Atmosphäre des Films bei. Ansonsten wirkt der Film merkwürdig, aber gleichzeitig faszinierend entrückt. Der Film erzählt seine Geschichte nüchtern und weitesgehend ruhig. Grelle Schockbilder oder ein dementsprechendes Sound-Design fehlen. Stattdessen hat der Film etwas eindringlich-meditatives. Die Spannungsschraube wird dramaturgisch durchaus geschickt mehrfach im Film angezogen, ansonsten ist ein unterschwelliges Bedrohungsszenario stets präsent. Die Musik pulsiert bedrohlich, die Dialoge sind zumeist laut geflüstert und auf das notwendigste reduziert, die Darsteller spielen der Filmsituation angemessen eher reduziert, auch weil es das Drehbuch unterlässt, die in deutschen Filmen regelmäßig anzutreffenden Gefühlsausbrüche mit übertriebenem und immer etwas künstlich wirkendem Schrei-und Heulfaktor² zu verquicken. Da der Film diesen Stil konsequent durchzieht, kann er als gelungenes Genre-Beispiel bezeichnet werden.

Was ist nun Hell genau? Ich würde ihn als interessante Fingerübung eines talentierten Regisseurs sehen. Wer sich mit dem nüchternen, doch durchaus eindringlichen Erzählstil anfreunden kann, dürfte während des Films keinen Erscheinungen der Langeweile begegnen.

Montag, September 12, 2011

Hoppla…


…nun ist es also passiert. 26 Jahre nach seiner erstmaligen Beschlagnahme ist einer der Horrorklassiker der 70er Jahre in Deutschland kein Hort der Verherrlichung oder Verharmlosung von grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten beziehungsweise einer die Menschenwürde verletzenden Darstellungsweise mehr. So hat es das Landgericht Frankfurt am heutigen Tage bekannt gegeben. Die Liste der in Deutschland nach §131 beschlagnahmten Filme muss somit künftig ohne das Blutgericht in Texas, auch bekannt als Kettensägenmassaker oder schlicht The Texas Chainsaw Massacre auskommen. Eine Premiere, denn bisher galt: Einmal drauf, nie mehr runter... Auslöser der Rehabilitierung des Films war eine Klage der Turbine Classics GmbH, die sich seit 2008 um die Freigabe des Titels bemühte. Somit dürfen sich wohl hierzulande alsbald Neugierige selbst ein Bild davon machen, dass der sagenumwobene Titel des Films mehr impliziert, als der Film letztlich enthält. Massaker ist nicht, dafür aber ein intensives und raues kleines Stück reinstes Terrorkino. Demnächst im Elektrofachhandel ganz in ihrer Nähe.

Dienstag, August 30, 2011

Ablegen unter: Wichtig!

Nacht und Nebel
(Nuit et brouillard)
F 1955 30 Min
von Alain Resnais
Bundeszentrale für politische Bildung (DVD)

1955 – Der Filmregisseur Alain Resnais besucht die leerstehenden Ruinen ehemaliger Konzentrationslager der Nazis. Die Natur, man sieht es den Filmaufnahmen an, beginnt, sich auf den ehemaligen Arealen des Schreckens wieder bequem zu machen. Beginnt, das Grauen, was die stummen Bauten der Massenvernichtung in eine bedrückende Aura tauchen, langsam zu überdecken. Doch Resnais kommt, um einen Dokumentarfilm gegen das Vergessen zu drehen. Sein Film bringt zum ersten Mal die beklemmenden, drastischen und eigentlich unfassbaren Archivbilder an die breite Öffentlichkeit. Auf der Berlinale 1956 verursacht er einen Skandal, in einem Land, dass im beginnenden Wirtschaftwunder auch gerne Gras über die Dinge der jüngeren Vergangenheit wachsen lassen würde. Den Kommentar zu Resnais Werk schreibt der Schriftsteller Jean Cayrol, die deutsche Bearbeitung wird von Paul Celan übernommen, beide Überlende des Holocaust. Es entsteht ein Essay, der nicht zu erklären versucht, was nicht zu erklären ist. Die Menschenverachtende, das den Bildern inne wohnt, spricht für sich – und macht gleichzeitig sprachlos. Das System Konzentrationslager wird im Film von seiner Planung bis zum Ende wortgewandt skizziert. Mal prasseln Wortsalven auf den Betrachter ein, mal werden die Sätze wirkungsvoll zerdehnt. Die Musik Hanns Eislers gibt sich dramatisch, elegisch, manchmal gar fröhlich, um den Kontrast zum Gezeigten noch zu verstärken. So sind 30 Minuten Film entstanden – 30 Minuten Film gegen das Vergessen – 30 Minuten Film, die das Unfassbare, die für den menschlichen Geist fast irrational anmutende Hölle auf Erden, eindrucksvoll auf Zelluloid bannen – und auch 30 Minuten Film, der damals die richtigen Fragen stellte, wie auch heute noch stellt. So ganz nebenbei stellt Nacht und Nebel in seiner Klarheit und „nüchternen“ Direktheit jede Infotainment-Sauce aktuelleren Datums zum Thema mühelos in den Schatten. Seine Qualität in Wort, Bild und Montage geben Raum zur Auseinandersetzung gerade auch in der Schule. Wohl auch aus diesem Grund erfährt der Film dankenswerterweise seine deutsche DVD-Premiere als Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung.

Sonntag, August 28, 2011

Affen zum Gaffen

Planet der Affen – Prevolution
(Rise of the Planet of the Apes)
USA 2011 105 Min
von Rupert Wyatt
mit Andy Serkis, Tom Felton, James Franco, Freida Pinto
20th Century Fox (Kino)

Da habe ich im Kino gesessen mit der sehr schmalen Erwartung, einem weiteren der in den letzten Jahren inflationär aus Hollywood kommenden, vergessenswerten bis maximal durchschnittlichen Unterhaltungsfilme beizuwohnen. Diese Tonnen an sinnlosen Remakes, Sequels, Prequels und anderer Langeweiler. Tja, und dann bekam ich fast nicht mehr meinen Mund zu – und das nicht etwa wegen einer Ladung Popcorn – nein, es war doch tatsächlich das, was dort auf der Leinwand vor mir dahin flimmerte.
Um es kurz zu machen, „Planet der Affen – Prevolution“ ist so ziemlich das Unterhaltsamste, was seit Jahren aus Hollywood abseits der Finchers und Nolans in die Kinos schwappt. Weil er all die Ingredienzien nicht hat, die mich zumeist stören:
1. Dem Film dient nicht ein simpel-langweilig-dämliches Drehbuchfragment als Dramaturgie-Kitt für endlos-breitgewalzte Actionsequenzen. Nein, die Story, die Charaktere und ihre Entwicklung haben den Vorrang.
2.Action kommt trotzdem vor, jedoch immer nachvollziehbar in die Handlung eingebettet. Zudem wird auf die bei mir berüchtigt-gehasste Wackelkamera verzichtet. Man erkennt einfach alles – nicht zu fassen. Scheinbar ist der Trend, zu diesem Stilmittel zu greifen, ja etwas rückläufig. Ich hoffe es zumindest. Jetzt muss nur noch jemand diesem Herrn Bay Bescheid sagen.
3.Es gibt keine doofen, weil pseudo-coolen, weil bemühten Einzeiler! Ich empfinde das als Segen. Denn ganz ehrlich, diese Sachen waren zu Zeiten von Lethal Weapon und Stirb langsam neu und originell. Seit Jahren ist es schon zum Dauer-Gimmick verkommen, an dem schon die Drehbuchautoren scheinbar kein Interesse mehr hatten, was sich im fertigen Produkt zumeist dann auch zeigt.
4.Das Drehbuch besitzt wieder Gespür für die richtigen Höhepunkte zur richtigen Zeit – und übertreibt diese auch nicht maßlos. Beispiel: Als Caesar dem fiesen Tierheim-Aufseher seine Auflehnung zu verstehen gibt und die Affenmeute zum Ausbruch aufstachelt, gibt uns das Drehbuch als dramaturgischen Höhepunkt sein erstes Wort – und nur dieses Eine! In vielen anderen Beispielen hollywoodesker Cashing-In-Ware hätte es wohl hier gleich noch einen Feldherren-Monolog zur Affen-Mobilisierung gesetzt. Hier gottseidank nicht…Auch in der Endszene wird nicht mehr geredet, als es für den Moment nötig erscheint.
Als Bonus gibt es noch eines der apokalyptischsten Enden in einem Hollywoodfilm. So dass ich mir fast wünschte, der Film würde für sich allein stehen und kein Prequel sein. Aber okay, wenn die Macher nicht an eine bereits existierende Geschichte andocken müssten, wäre so ein Ende mit den großen Geldgebern auch nicht machbar gewesen. Zu riskant, keine Frage. Gut gelöst ist es in jedem Falle, einen gewissen zeitlichen Zwischenraum zum Anfang des Originals zu lassen, den sich der Zuschauer locker zusammen reimen kann. Doch genau dieser Zwischenraum könnte, auch bei dem finanziellen Erfolg des Films, der sich ja abzeichnet, ein Handicap bereits in sich tragen: Er ist groß genug, um noch locker so 1 bis 3 weitere Prequels unterzubringen…We will see.
Egal, „Planet der Affen – Prevolution“ versetzt einen qualitativ in die guten Hollywood-Zeiten der 70er und 80er Jahre. Ich wünsche mir wieder mehr Filme dieser Güte.

Auf ein Neues

Nach über 5 Jahren nehme ich meine Blogaktivitäten wieder auf. mal schaun, wie lange meine Lust am Schreiben anhält.

Dienstag, März 14, 2006

The Stink Panther

Der Rosarote Panther
„The Pink Panther“
USA 2006 95 Min
von Shawn Levy
mit Steve Martin, Kevin Kline, Jean Reno, Beyonce Knowles
Kino (MGM)


Er kommt einfach nicht zur Ruhe, unser Paulchen Panther – und mit ihm die Herren Clouseau und Dreyfuss. Im Vorwort seiner Resteverwertung an unbenutzten Peter-Sellers-Aufnahmen („Der rosarote Panther wird gejagt“) meinte Regisseur und Filmfigurvater Blake Edwards ganz treffend: „For Peter – the One and Only Inspektor Clouseau“. Trotzdem versuchte auch Edwards nach dem Exitus seines begnadeten Hauptdarstellers noch etwas Geld aus der Panther-Idee rauszuholen: Die halbgaren bis äußerst schwachen Versuche nennen sich dann „Der Fluch…“ bzw. „Der Sohn des rosaroten Panthers“. Immerhin, eines tat er aus Respekt und auch Einsicht niemals: die Figur des Clouseau neu aufleben zu lassen. So dumm war der Komödien-Spezi Edwards nicht mal in seinen belanglosen Rentnerjahren.

Nun, Steve Martin, auch in den Rentnerjahren, IST so blöd. Anders kann man diese humorfreie Zone, die sich „Der rosarote Panther“ nennt, nicht erklären.

Sellers Figur war zwar trottelig, aber trotzdem liebenswert. Er war halt ein Pechvogel, der durch Zufall seine Fälle gelöst hat. Das war die humoristische Basis, auf der alle weiteren Gags aufbauten und wirken konnten. Steve Martin macht aus der Figur einen arroganten Angeber, der ungefähr so sympathisch ist wie ein Neonazi, der einem kleinen blinden behinderten Mädchen den Rollstuhl klaut und damit ihren Hund (der einzige Freund, den sie noch hat) plattfährt. (Er ist also ein waschechter Ami, der vorgibt, ein Franzose zu sein. Das ist NICHT witzig!) Kurzum: Wie bitte soll ich mit oder über eine Figur lachen, von der ich mir wünsche, sie würde nach 10 Minuten von der Leinwand verschwinden? Die Neuinterpretation der Figur des Inspektor Clouseau ist völlig misslungen, womit dem Film eben jene Grundlage fehlt, die die alten Filme hat funktionieren lassen. Das Gleiche trifft auch auf Kevin Kline als Dreyfuss zu, der aus seiner Rolle nichts machen kann, weil sie einfach nichts hergibt. Keine guten Gags, keine Entwicklung. In den alten Filmen war es strunzkomisch, wie Clouseau seinen Vorgesetzten Schritt für Schritt in den Wahnsinn trieb. Hier behilft man sich einer langweiligen „Ich-will-ne-Auszeichnung-und-Clouseau-brauch-ich-als-Bauernopfer“ Grundidee, aus der man kaum komisches Potenzial schöpft und das Ganze mit einem simplen „Wer-ist-der-beste-Detektiv“-Schluss a la Agatha Christie "krönt". Bei Jean Reno ist’s dann endgültig aus: Er soll wohl der "Kato“-Ersatz sein, darf aber außer einem Running-Gag, bei dem noch nicht mal der Mundwinkel für einen Sekundenbruchteil zuckt, nichts zum Film beitragen. Ich kann bloß hoffen, dass wenigstens die Gage hoch genug war.

Zudem reduziert das Gespann Martin/Blum den anarchischen, genreparodistischen Humor auf kreuzbraves Hollywoodniveau mit einigen „American-Pie“- Flatulenzanleihen, das ganze verwoben mit einer mächtigen Prise Franzosen-Bashing (Dieser Akzent, den die Sprechen! Is ja noch schlimmer als ihre Sprache! Und ein „H“ kriegen sie gar nicht auf die Reihe! Höhöhö!). Darüber lachen vielleicht noch ein paar Amis, die Frankreich nur von ihren Fritten her kennen, aber alle anderen? Eben: Fehlanzeige.

Den vorhersehbaren, halbgaren, simplen und meistens unwitzigen Gags passt sich die Regieleistung hervorragend an. Als Beispiel, die tolle „Ladykracher-like“ Sequenz vom Anfang: kleines Auto, große Parklücke: Schon der „Establishing-Shot“ dieser Szene verrät überdeutlich, was die nächsten Sekunden passiert. Okay, denkt man sich, der knallt vorn und hinten gegen die Autos, und man hofft, es würde dazu noch irgendetwas Überraschendes passieren, was die Kamera noch ausspart. Aber nein, Herr Martin verbeult die beiden Autos ein bischen, und das wars – Witze von Fips Asmussen (Ihr wisst schon, der mit der „Prostata-Tätowierten“!) sind Zwerchfell-Kitzler dagegen – und auch überraschender.

Was bleibt, sind Fragen:

1. War Steve Martin wirklich mal ein guter Komödiant?

2. Warum müssen die Amis selbst in einer Komödie durchscheinen lassen, dass ihre Kultur die allen überlegende ist? (siehe die oberpeinliche Hamburger-Szene in New York)

3. Warum müssen fast alle Beteiligten den ganzen Film einen total überzogenen französischen, wahlweise auch russischen Akzent sprechen?

4. Warum sind die verantwortlichen Synchronhupen so intelligenzbefreit und übernehmen das auch noch, nur schlechter (Stichwort: wegsehen <–> wichsen)?

5. Warum muss mir so etwas passieren?

Ich ging ins Kino, wenigstens mit der Hoffnung auf eine solide Komödie – aber das war einfach nur unterirdisch. Immerhin, die alten Filme mag ich nun umso mehr, auch was.

Sonntag, Oktober 16, 2005

Steter Tropfen nässt das Bett

Dark Water – Dunkle Wasser
(Dark Water)
USA 2005 105 Min
von Walter Salles
mit Jennifer Connelly, Ariel Gade, Pete Postlethwaite, Tim Roth
Kino (Buena Vista/Touchstone)

Dark Water
(Honogurai mizu no soko kara)
JAP 2002 98 Min
von Hideo Nakata
mit Hitomi Kuroki, Rio Kanno, Mirei Oguchi, Isao Yatsu
DVD (Widesight)


Walter Salles „Dark Water“ ist das erste Hollywood-Remake eines japanischen Horrorstreifens, das eine Daseinberechtigung hat. Im Gegensatz zu den beiden Ring-Filmen und „The Grudge“ wird hier nicht ein Erzählstoff simpel veramerikanisiert und massentauglich seichter gemacht, vielmehr wählt Salles für sein Remake den gleichen ruhigen, depressiven Ton des Originals. Alle Elemente finden sich auch bei Salles wieder, doch erreicht er durch eine andere Gewichtung dieser eine veränderte Sichtweise auf den Filmstoff.
Hideo Nakatas Originalfilm erzählt von einer jungen Mutter und dessen kleiner Tochter, die, mitten in einem Sorgerechtsstreit mit dem Vater des Kindes, in eine Wohnung umziehen. Dort gibt es Probleme mit sich vergrößernden Wasserflecken an der Decke und der Tatsache, dass auf dem Verschwinden eines Mädchens aus dem Apartment darüber ein dunkles Geheimnis liegt. Nakata folgt in seinem Film dem Erzählstil seines überaus erfolgreichen wie bekannten „Ring“. Er nimmt sich viel Zeit für das Aufbauen der Figurenkonstellationen und Situation, die die Frau in ihre neue Wohnung einziehen und dort ausharren lassen. Die gute klassische Horrortradition wird hier hochgehalten: Das Aufbauen einer Atmosphäre latenter Bedrohung, ausgelöst durch einen unfreundlichen Ort, unerquickliche und depressive Begleitumstände, nach und nach eingestreute erklärende Details für die Zuschauer und eine fahle und trostlose Farbgebung. All dies hat das Remake ebenfalls zu bieten, jedoch verschieben sich bald die Blickwinkel beider Filme. Salles teilt dem Zuschauer erst sehr spät mit, dass das Kind aus der Wohnung darüber verschwunden ist und nie gefunden wurde. Eine Information, die Nakata sehr viel früher in seinem Film gibt. Ein wichtiger Fakt, ist er doch der Auslöser des übersinnlichen Geister- und Gruselplots. Hier zeigt sich der Hauptunterschied beider Filme klar. Nakatas Film ist und will ein Horrorfilm sein, Salles’ Remake ein Drama. Durch die unterschiedliche Wissensgrundlage des Zuschauers werden auch die anfänglichen Geschehnisse im Appartment darüber anders wahrgenommen. Dienen diese Nakata zur Erzeugung von Angst und Grusel vor dem Unbekannt-Irrationalem, so werden sie bei Salles als weitere Belastung des Nervenskostüms und der verdrängten Kindheitserinnerungen der Hauptfigur gesehen. Dem unterschiedlichen Ansatz zur Folge steht beim Remake die Figur der Mutter mehr im Vordergrund. An ihrer Entwicklung, ihrer Zerbrechlichkeit, Labilität, aber auch Stärke, Liebe und Durchhaltevermögen in der derzeitigen Lebenssituation ist Salles hauptsächlich interessiert (schon seine vorherigen Filme „Central Station“ und „Die Reisen des jungen Che“ hatten die Wandlung und Reifung eines Charakters unter schwierigen Begleitumständen zum Thema). Er und sein Drehbuchautor Rafael Yglesias geben mehr Information zum biographischen Background (die Rückblenden auf die Kindheit) und schnüren ein komplexeres Netz von Personen um die Hauptfigur herum. Sowohl der Hauswart, der Ehemann und der Anwalt sind im Remake stärker präsent, die beiden jugendlichen Skater, die eventuell vom Ex-Mann angeheuert wurden, kommen im Original überhaupt nicht vor. Sie erhöhen die seelischen Belastungen der Hauptfigur und drängen die übersinnlichen Aspekte des Films zeitweise in den Hintergrund. Hier hat dann auch das Remake seine Achillesverse: Salles Film ist in großen Teilen so sehr ein „realistisches“ Drama, das der Subplot mit dem Geist des verstorbenen Mädchens schon fast nicht mehr passen will, fast wie ein Fremdkörper erscheint. Begünstigt wird dies auch dadurch, dass Salles aufgrund seiner Ausrichtung des Stoffes an ausgedehnten Spannungssequenzen, die das Erscheinen des Geistes des toten Mädchens betreffen, nicht interessiert ist. Die Szene im Toilettenraum der Schule sowie das Finale werden zwar gefällig inszeniert, jedoch wird das Schock- und Suspensepotential der Situationen nicht genutzt, die Szenen sehr kurz gehalten, wo das Original einen noch in die hinterste Ecke der Coach hat zurückweichen lassen. Das Salles’ jedoch der Spagat zwischen Drama und dem Geisterplot gelingt und sein Film über das Mittelmaß hinauskatapultiert liegt zum einen an seiner guten Regie, den hervorragenden Bildern von Affonso Beato sowie am guten Darstellerensemble, allen voran seiner Hauptdarstellerin Jennifer Connelly, die einfach grandios die innere Zerrissenheit und zunehmende Verzweiflung, Panik und Überanstrengung ihrer Figur auf die Leinwand bringt mit Unterstützung ihrer dunklen, geheimnisvollen Augen.

So kann der geneigte Zuschauer wählen: Möchte er ein sehr gutes Drama mit Geister-Subplot oder lieber einen kreuzunheimlichen Gruselfilm sich zu Gemüte führen. Ich für meinen Teil kann mit beiden leben und hoffe, das, wenn wir schon mit Remakes aus Hollywood bombardiert werden, sie sich zukünftig ein Beispiel an „Dark Water“ nehmen, indem sie die Grundstimmung und das Grundgerüst beibehalten, jedoch andere Aspekte der Story hervorheben, ohne in oberflächlichem Müll abzugleiten. Ich weiß, es wird leider nicht mehr als ein frommer Wunsch bleiben.

Sonntag, Oktober 02, 2005

Mirinda Red - And you're Dead!

La Citta` Sconvolta: Caccia Spietata al Rapitori
(Kidnap Syndicate / Auge um Auge)
ITA 1975 95 Min
von Fernando di Leo
mit Luc Merenda, James Mason, Irina Maleeva, Vittorio Caprioli
DVD (Raro)

Der Sohn des Mechanikers Colella wird zusammen mit dem Spross des Geschäftsmannes Filippini entführt. Da dieser jedoch mit den Kidnappern um die Höhe des Lösegeldes feilscht,  beschliessen diese, ihm klar zu machen, dass sie seine Verhandlungstaktik sehr missbilligen. Sie bringen den Jungen von Colella um, aus dem sowieso kein Geld herauspressbar gewesen wäre. Doch Colella fügt sich nicht in stille Trauer.
„La Citta` Sconvola…“ zerfällt hübsch in zwei Teile. Der erste beschreibt das Kidnapping und dessen Ausgang und kommt ruhig und gediegen daher. Fernando di Leo ist ja bekannt dafür, dass er, trotz der Kommerzialität seiner Filme, immer eine kleine gesellschaftskritische Note in seine Werke mit einbaute. Die Vorlage von Galliano Juso (der erste Film di Leos nach einer Fremdidee) dramatisiert die zu der Zeit in Italien gehäuft auftretenden Entführungen, in das Drehbuch baute di Leo dann noch weitere für damalige Italostreifen nicht untypische sozialkritische Momente ein: Den Armen sind immer die (ersten) Opfer! Den Reichen geht Geld über alles, auch über ihr eigen Fleisch und Blut! Da wir es bei vorliegendem Film aber immer noch mit einem Actionfilm zu tun haben, bleibt es bei diesen äußeren Feststellungen. Nach der emotionalsten und damit stärksten Szene des Filmes, der Identifizierung des toten Sohnes durch Colella, ist der Worte genug gewechselt: Herr Merenda zerfliesst mitnichten in Selbstmitleid. Er will Blut sehen. Jetzt!
Damit einher geht natürlich auch, wie typisch im Subgenre der Rachestreifen, dass es mit der Nachvollziehbarkeit der psychologischen Motivation des Hauptprotagonisten nun vorbei ist. So aufregend und unterhaltsam das folgende auch ist, logisch ist es auf jeden Fall nicht. Wer damit leben kann (ich kann es), bekommt nun 45 Minuten lang den Mund nicht mehr zu, den Colella geht auf und davon. Der Mann ist eine tickende Zeitbombe, und schon bald wünscht sich jeder Involvierte der Entführung, er hätte sein Leben sinnvoller geplant. Da hilft auch keine späte Reue mehr, wenn Merendas Gesichtsknochen vor Wut ins Rotieren kommen, dann rappelts im Karton. Rache ist Blutwurst – und beim Metzger gabs heute ein Sonderangebot.
„Auge um Auge“ (die Titelschmiede geht mal wieder leicht am eigentlichen Thema vorbei, ja mei!) zeigt di Leo in Bestform. Die Action ist bestens in Szene gesetzt, die Darsteller (Merenda als Trauender und Derwisch, Mason als knorriger, kalter und kalkulierender Geschäftsmann und Caprioli als Commissario mit den sprechenden Händen) sind erste Sahne und die Musik von Luis Enrique Bavalov (die auch das „Vorspiel-Thema“ aus „Milano Caliber 9“ zitiert) bringt uns die tragischen und tempolastigen Momente des Filmes noch näher. Liebe Italo-Filmgucker-Gemeinde: Dieser Film ist das Eintrittsgeld wert!

Samstag, Oktober 01, 2005

Sarsky & Clutch

Uomini si nasce, Poliziotti si muore
(Live like a Cop, Die like a Man / Eiskalte Typen auf heissen Öfen)
ITA 1976 91 Min
von Ruggero Deodato
mit Marc Porel, Ray Lovelock, Adolfo Celi, Renato Salvatori
DVD (Raro)

Alfredo und Antonio sind zwei Bullen einer Spezialeinheit der Polizei, die zwar erfolgreich sind, leider aber nur wenig mit der Dienstvorschrift am Hut haben. Nach einem tödlichen Anschlag auf einen ihrer Kollegen nehmen sie sich den Mafiaboss Roberto Pasquini, genannt „Bibi“, vor. Doch an den ist mit legalen Mitteln nicht so leicht heranzukommen. Bloss gut, dass die zwei damit noch nie Probleme hatten.
Was uns die Herren Ruggero Deodato (Regie) und Fernando di Leo (Idee und Drehbuchautor) hier vorsetzen, ist schon reichlich harter Tobak. Diese beiden Bullen noch als Gesetzeshüter zu bezeichnen, wäre die Übertreibung des Jahres. Ja, Alfredo und Antonio sind DIE spezielle Art von Polizisten, bei denen auch Dirty Harry und Commissario Ferro für eine Dienstaufsichtsbeschwerde plädieren würden. Okay, wir schreiben die 70er, und damals gehörte es zum guten Ton, dass man als „Cop“ schon mal die Gesetze etwas „dehnen“ musste, um mit dem ganzen neumodischen Abschaum an Psychopathen fertig zu werden. Doch von „dehnen“ kann hier keine Redemehr sein, nein, bei unseren zwei Herren hier haben sich sämtliche Gesetze schon lange nen Muskelfaserriss geholt. Und so drängt sich dem Betrachter die Frage auf: Wie kommt man auf so eine Geschichte?
Ich habe da zwei Theorien. Erstens: Di Leo hat sich mit lustigen Mittelchen selbst eingetütet und dann seinen Alpträumen freien Lauf gelassen. Zweite Möglichkeit: Das ganze ist tatsächlich eine Parodie. Da ich di Leo sehr schätze, widme ich mich einfach mal dem zweiten Punkt, und tatsächlich funktioniert das ganze so ziemlich gut. Alleine die beiden Hauptfiguren sind alles andere als Sympathieträger und werden als dümmliche Proleten mit einem ständig zuckenden Ersatzpenis aus Eisen gezeigt. Außer Ficken, Ballern und über Ficken und Ballern zu reden haben unsere zwei Buletten nicht zu bieten. So lacht man bei ihrer aufgesetzt kühlen Art und ihren pubertären Späßen nicht mit ihnen, sondern über sie. Di Leo muss sich diebisch amüsiert haben beim Schreiben, und setzt zum Schluss zum ganz großen Finale an: Denn nicht die beiden bringen den Mafiaboss um die Ecke, sondern lassen sich wie Anfänger in eine Falle jagen, was ihnen auch egal ist, da sie eh schon wieder schwanzdenkend an irgendeiner blonden Biene herumfingern, die man als dummen Köder auf sie angesetzt hat. Dass besagte Falle nicht zuschnappt, dafür sorgt der Chef der Spezialeinheit höchstpersönlich, obwohl der sich bisher im Film nur hinter einem Schreibtisch befunden hatte. Jedenfalls darf er „Bibi“ auf den Blocksberg schicken, und diesen Antihöhepunkt finde ich, aus charakteristischer Sicht wie auch aus persönlicher Überzeugung, recht gelungen. Keine Macht den Doofen – erst recht nicht, wenn sie ne Knarre haben, die auf Dauerfeuer gestellt ist!
So ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Film keine Charakterentwicklungen gibt und auch bei keiner der Hauptfiguren ein Wort über die jeweilige Vorgeschichte verloren wird. Wer immer noch den Intellekt einer Amöbe hat, kann sich seit seiner Pubertät nicht großartig weiterentwickelt haben.
Für eine Parodie sprechen zudem einige vollkommen übertriebene Szenen, beispielsweise die rollige Mätresse des Ganoven, die in ihrer Wohnung die beiden Dumpfbacken zum Spontan-Koitus überredet. Auch die Schiessübungen der Zwei im Dosenparcour mitten in der Heide sind einfach nur hübsch lächerlich. Also doch eine Parodie für den denkenden Bildungsbürger, für alle anderen ein „toughes Cop-Movie“ mit sympathischen Draufgängern und willigen Bräuten.

Abseits der inhaltlichen Ebene hat Deodato die Sache fest im Griff. Dass der Gute einst bei Rosselini in die Lehre gegangen ist, zeigt sich hier an seinem direkten Inszenierungsstil. Viele Handkamerashots und – als Hohepunkt – eine schwarzgedrehte und dadurch faszinierende Motorradverfolgungsjagd quer durch die Innenstadt Mailands (oder war es doch Rom?). Die Darsteller erledigen solide ihren Job – und auch der Gesang von Ray Lovelock fällt nicht negativ ins Gewicht.
„Uomini…“ ist ein merkwürdiger Film, der als Parodie ungemein zieht, da Deodato das Tempo hochhält und keine Langweile aufkommen lässt. Der deutsche Titel wirkt wieder einmal reichlich dümmlich, trifft es damit aber eigentlich schon wieder ganz gut. Jedenfalls steckt in den „heissen Öfen“ des Filmes mehr Leben und Gefühle (jau!) als in deren eiskalten Besitzern.