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Mittwoch, Juli 31, 2013

Die Konsequenz



Only God Forgives

Frankreich/Schweden/Thailand/USA 2013 90 Min
von Nicolas Winding Refn
mit Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Tom Burke, Vithaya Pansringarm
Kino (Tiberius Film)



Refns Film beginnt stark, die stilisierte Art in Verbindung mit der gelungenen Tonkulisse wussten zu gefallen. Doch mit zunehmender Spieldauer macht es einem der Film immer schwerer. Ich bin sehr zwiegespalten…

Die Geschichte ist bewusst einfach gehalten, auf das Notwendigste reduziert.  Auch die Dramaturgie folgt stets den üblichen Genremechanismen. Rache ist Blutwurst. Familienbande. Unorthodoxe Polizeimethoden als Gegenstrategie. Auf den genreüblichen Wegen blättert sich eine spannungslose Geschichte dem Betrachter auf, die auch das Ende durch Goslings Traum sowie die oftmalige Konzentration der Kamera auf seine Hände überdeutlich vorwegnimmt.  Die narrative Ebene liegt demnach nicht im Zentrum des Interesses, sondern dient lediglich als Aufhänger, als Korsett für etwas Anderes, Entscheidendes. Nur…für was?
Die Charaktere sind archetypisch angelegt: Der stoische Cop. Die prollige Mutter. Lediglich dem Zweitgeborenen wird etwas Entwicklung zugestanden, wenn man seine Handlungsweise letztlich als Aufbegehren und damit auch Emanzipation von der übergroßen Mutterfigur deuten möchte. Vielschichtige, und damit interessante Figuren hat der Film für mich jedoch nicht zu bieten.
Bleibt die visuelle Ebene: Zeitlupe, Farbfilter, Zeitlupen, einige Auf- und Untersichten, mehr Zeitlupen, vereinzelt kontrapunktische Lichtsetzung, noch mehr Zeitlupen. Erst einmal kann Refns Werk als Gegenentwurf zu einem Großteil des aktuellen Hollywoodkinos gesehen werden: dort wo vieles in hektischer Betriebsamkeit vor sich geht, die Actions- und Effektsequenzen die Dramaturgie bestimmen, darauf hoffend, dass dem Publikum vor lauter lautem Getöse, Gerenne, Geschreie und aller gehetzten, hektischen Inszenierung bloß nicht die Banalität und Leere der Story auffällt. Doch was steckt hinter den entschleunigten, zeitlupengeschwängerten Bildern in „Only God Forgives“?
Eine Zeitlupe dehnt bekanntermaßen die Zeit im Rahmen der Filmerzählung, und erlaubt es dem Regisseur, mehr Informationen zu geben, als dies in Realzeit möglich wäre. Mehr Details zum Geschehen, mehr zur Übersichtlichkeit, aber auch mehr zu den Charakteren, deren Regungen und Befindlichkeiten. Doch wenn weder die minimalistische, genretypische Geschichte noch die eindimensionalen Charaktere Refns Zeitlupen-Overkill mit Bedeutung ausstatten können, sind sie dann nicht ebenso leer und selbstreferentiell? Stil über Substanz? Stil als Substanz? Stil und des Stils Willen?
Hier meine ich den Punkt ausgemacht zu haben, an dem der Film sein Publikum spalten wird…
Ist Refn vor lauter Stilwillen zum selbstverliebten Egowichser geworden? Teilt er damit das Schicksal seines Regiekollegen Gaspar Noe, dem er u.a. im Abspann dankt? Noe hat mit „Irreversibel“ gezeigt, wie durch simple narrative Kniffe und visuelle Überwältigungsstrategien ein „Kino der Selbsterfahrung“ erreicht werden kann, bei dem die Story nicht viel mehr als die Rahmenbedingung für das Zuschauerexperiment darstellt. Und genau dieser Noe war es, der sich mit seinem Opus Magnum (?)„Enter the Void“ auf spirituell-esoterische Wege begab, doch sein Stilprinzip der stetig entfesselten Kamera als subjektive Seelenwanderung  im dramaturgisch-selbstverliebten, überlangen Nichts endete. Ist also auch „Only God forgives“ nur eine überlange, nichtssagende, optisch hübsch aufgeblasene Banalität?
Oder bedeuten gerade die emotionslosen Gesichter der Brüder und des Polizisten exakt DIE Aussage des Films? Sind diese Figuren nicht vielmehr auch deswegen so eindimensional, weil sie sich am Ende eines langen Kampfes, ihrer Beschäftigung mit sich selbst, ihren Lebenszielen, ihrer Lebensrealität, ihrer evtl. begangenen Taten, ihrem Milieu und ihrer selbst prognostizierten Zukunftsaussichten befinden. Dies ist spekulativ und rein den Projektionen der Zuschauer überlassen, deutlich macht Refn jedoch das Entscheidende seines Films: Sie alle sind an einem toten Punkt ihrer Entwicklung angekommen und nehmen ihre selbst auferlegte Rolle an. Sie handeln nach einer inneren Agenda, einer gereiften Überzeugung – und sie tun dies konsequent. Ohne Ausflüchte. Ihnen ist klar: Nur Gott vergibt!
 Der ältere Bruder begeht gezielt den Tabubruch und nimmt beabsichtigt noch vor Ort seine Strafe entgegen. Konsequent. Der Polizist geht rigoros, brutal und außerhalb der Gesetzlichkeit gegen die Kriminellen vor, der Zweck heiligt auch bei ihm die Mittel. Er vollzieht dies ohne spürbare Lust, noch ohne Ekel vor sich selbst. Er funktioniert. Konsequent. Damit erklärt sich auch die fehlende Emotionalität in seiner Körpersprache, sein aufgesetzt gestelzter Gang. Als er zu Beginn des Films an den Tatort kommt, schaut er in das Gesicht des Täters und erkennt die konsequente Agenda seines Gegenübers. Die oben beschriebene, emanzipatorische  Charakterentwicklung des  jüngeren Bruders kann ebenso gedeutet werden als en Weg der Erkenntnis seiner eigenen Rolle in Abhängigkeit seiner existierenden Möglichkeiten. Die Hassliebe zu seiner Mutter führt zu seiner gewählten Agenda. Als er den Polizisten fragt, ob er kämpfen möge, mustert dieser ihn und erkennt, ohne die Gründe dafür zu wissen, dass er seine selbst auferlegte Bestimmung gewählt hat und beginnt, diese in die Tat umzusetzen. Der  jüngere Bruder weiß jedoch auch um die unvermeidliche Folge seines Handelns – und nimmt diese am Schluss des Films hin. Konsequent.
Als Gegenpol zu diesen Figuren ist die Mutter angelegt, die ihre eigene, unvermeidliche, Agenda nicht gefunden hat – oder aber nicht dazu stehen kann. Die sucht nach Ausflüchten. Zuerst einmal im Kleinen hinsichtlich der Gründe für ihren diagnostizierte Neid des jüngeren auf den älteren Bruder, für den sie u.a. sogar akuten Penisneid heranzieht. Hier ringt sie sich im Verlauf des Films zu ihrer eigenen, ehrlichen Agenda durch („ Ich werde dich nie verstehen… Du bist einfach anders.“). Im Großen gelingt ihr dies nicht: Als Drogenboss ist ihre mögliche Konsequenz noch zu abstrakt, zu weit hergeholt, zu viele Wächter und Gefolgsleute stehen dem Gedankengang vlt. im Weg. Auch als sie den Auftrag gibt, ihren Sohn zu rächen, kann sie die Konsequenz ihres Befehls aufgrund ihres Unwissens um die Person des Polizisten noch nicht erkennen. Mit diesem Wissen jedoch will sie die nun unvermeidbare Konsequenz für sich nicht wahrhaben und sucht bis zuletzt Ausflüchte und stirbt daher  unter Todesangst.
Wie die meisten seiner Charaktere, so folgt auch Refn mit dem Film seiner eigenen Agenda. „Only God Forgives“ ist minimalistisch, hypnotisierend und schön anzuschauen – und hat als Inhalt nur seine Message. Konsequent. Und ich glaube, er weiß, im übertragenden Sinne wie die beiden Brüder im Film, auch um die Schattenseite, quasi um die Konsequenz seiner gewählten Konsequenz: Für viele Betrachter wird der geringe Inhalt keinen 90-minütigen Film tragen.

Was also ist „Only God Forgives“? Konsequent-minimalistisches, gelungenes Arthousekino oder ein repetitives, künstlich aufgebauschtes Stückchen Langeweile?

Ich habe mich entschieden: Er ist beides! :-)

Sonntag, Januar 27, 2013

Gangster Squad
 USA 2013  113 Min
von Ruben Fleischer
mit Ryan Gosling, Josh Brolin, Sean Penn, Giovanni Ribisi
Kino (Warner)


Ruben Fleischers neuer Film ist leider weitestgehend eine Enttäuschung. Hauptverantwortlich ist dafür eindeutig das Drehbuch, dem, bis auf den Charakter Goslings, nicht mehr als abgedroschene Stereotype einfallen, die in einer vorhersehbaren Dramaturgie gefangen sind. Das Ganze nimmt sich leider selbst für einen publikumswirksamen Hollywoodfilm als ein paar Nummern zu heftig aus. Phrasen und leere Worthülsen wohin das Auge sieht ("Ich war im Krieg, um..." oder "Ich kam aus dem Krieg, um" oder "Damals im Krieg, und heute...") müssen für die dürftige Motivation der Figuren herhalten, die meisten coolen Einzeiler bleiben wirkungslos. Gosling hat als einziger Glück gehabt und darf einen etwas weniger flachen Charakter zum Besten geben (was er auch souverän löst), die anderen Darsteller sind zu bedauern: Brolin kann gegen seinen Haudrauf-Charakter nichts machen und hat das undankbarste Drehbuchkonstrukt zu schultern...Sein Anführer der Spezialeinheit wirkt völlig unglaubwürdig und überzeichnet, nahezu fast comichaft: Von taktischem Vorgehen hat seine Figur noch nie etwas gehört und es bleibt rätselhaft, wie zum Henker die Truppe mit solch einem Boss erfolgreichsein kann. Penn als fieser Obergangster legt leider auch reinstes Overacting an den Tag. Seine Szenen funktionieren zu einem guten Teil nach dem Schema: ruhig/zynisch oder salbadernd die Szene beginnen, um plötzlich völlig auszuticken. Nach dem dritten, vierten Mal lehnt man sich gelangweilt im Kinosessel zurück. Kaum ein Mitglied der Spezialeinheit bekommt ein schlüssiges Motiv vom Drehbuch zugeschrieben, warum er sich dieser überhaupt anschließt. Die Vorgehensweise der Truppe ist teilweise haarstrübend. Hauptkritikpunkt ist hier, dass nach der ersten erfolglosen sowie der zweiten nur mit Dusel gelungenen Aktion deren spontaner und ungeplanter Charakter von der Truppe als nicht zweckdienlich angesehen wird. Was zur Folge hat, dass sich nichts an deren Arbeitsweise ändert. Das der Film eine ziemlich reaktionäre Weltsicht vor sich herschiebt, ist dann die faule Kirsche auf der schimmligen Sahnetorte. Nicht die Welt an sich ist schlecht. Nein, nein, Böse ist hier nur der Gangsterboss, der wie aus dem Nichts auftauchte und letztlich chirurgisch aus der Welt entfernt wird, auf dass diese (oder zumindestens Los Angeles) wieder ein friedfertiger und harmloser Ort ist. Nahezu das Paradies auf Erden. Mir zumindestens wurde am Ende schlecht... Spätestens hier ist auch jeglicher Gangster-Film-Neo-Noir-Anspruch zerkrümelt, mit dem der Film kokettiert. Was bleibt ist ein guter Score und zufriedenstellende Action mir einigen Härten plus ein cooler Gosling, der Rest ist mehr als dürftig, teilweise sogar ärgerlich. "Gangster Squad" war bereits gescheitert, noch bevor die erste Filmklappe fiel.
Achso, die Story: Spezialeinheit will Obergangster von L.A. fertigmachen.

Montag, Juli 30, 2012

Not Bad, Man!


The Dark Knight Rises
USA 2012  164 Min
von Christopher Nolan
mit Christian Bale, Tom Hardy, Marion Cotillard, Anne Hathaway
Kino (Warner)

Vorsicht: Spoiler!

Dies ist Nolans nicht krönender, aber doch insgesamt gelungener Abschluss seiner Batman-Trilogie. (?)  Mit seinen fast drei Stunden Spielzeit episch angelegt, versteht es der Film, einen über weite Strecken zu unterhalten. Das schaffen beileibe nicht alle Filme, die Hollywoods selbsternannte Traumfabrik so in die Kinos rülpst… Das Nolan derzeit einen Status im Studiosystem innehat, der es ihm erlaubt, düstere und auch komplexere Geschichten zu erzählen (also komplex gemessen am sonstigen Hollywood-Output) ist bekannt. Bloß gut, dass er es auch draufhat: So bekommt er den Spagat zwischen Actionelementen und den vielen Erzählsträngen gut auf die Reihe, ohne zwischendurch größere Durchhänger zu verzeichnen. Komplett gelungen ist dies nicht, denn The Dark Knight Rises schrammt doch generell immer haarscharf an der inhaltlichen Überfrachtung vorbei. Es wird eine Geschichte erzählt, die auch für zwei normale (und 15 Michael Bay-) Filme gereicht hätte. Dies führt auch zu dem heikelsten Element, dass sich die Story und mit ihr die Dramaturgie in den ersten gut 2 Stunden grob gesehen zwei Mal im Kreis dreht. Bruce Wayne emotional ganz unten, dann aufraffend, dann noch weiter unten und wieder die Kurve kriegend. Obwohl dies durch die Handlung abgedeckt ist, bremst es gerade auf der zweiten Schleife, also den Gefängnis-Szenen, die Handlung doch etwas aus. Auch weil dies der Batman-Film ist, in dem die Hauptfigur wohl mit die längste Zeit lediglich auf die Umstände reagiert, anfangs mehr mit sich zu tun hat und auch später immer seinen Gegenspielern einen Schritt hinterherhinkt. Nolan lässt die olle Fledermaus dieses Mal ordentlich leiden; ein langer, langer Leidensweg ist es bis zur seelischen Wiedergeburt.

So richtig störend empfand ich die Sache letztlich nicht. Vielleicht ist es ja auch beginnende Altersmilde… Hmmm, wohl dann doch eher die positiven Dinge, welche überwiegen: Die Darsteller tun das, was sie tun müssen, um die ganze Sache zu wuppen. Bane, obwohl als Gegenspieler per Definition seines Charakters  eher eindimensional angelegt, funktioniert doch besser als gedacht, auch wenn er natürlich deutliche Handycaps gegen schillernde und vielschichtigere Charaktere wie die schnurrige Katzenfrau, die ja auch ihm Film umherstreunt, besitzt. Die Musik von Hans Zimmer ist zweckgebunden okay und funktioniert, obwohl es eigentlich nicht mehr als Dienst nach Vorschrift vom guten Hansi ist und quasi…nun ja… zusammengezimmert wirkt. Alles irgendwo schon mal gehört, inklusive der hohen wispernden Frauenstimme, die am Ende nach Erlösung verlangt (was ist eigentlich die Steigerung von Klischee? Filmmusikalischer Archetyp? Meta-Klischee?). In jedem Fall wirkten meine Ohren an der Stelle unangenehm verklebt, gut dass es nur ein paar Sekunden waren.

Nicht zu vergessen wären die Nolan-typischen Querverweise auf das aktuelle politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen. Catwoman trachtet in dem Film, den sogenannten „Neustart“ zu bekommen; ein Programm, das die digitale, indem Fall durch die minder-privilegierte Herkunft bedingte, unrühmliche Vergangenheit einer Person löscht und einen echten Neuanfang verspricht. Den „Radiergummi fürs Internet“, würden jetzt deutsche Netzpolitiker der Generation „Pong-Automat“ sagen… Zudem flicht Nolan die gegenwärtigen Spannungen, bedingt durch Banken- und Eurokrise und deren folgenreiche weitere Spaltung der Gesellschaft in reichere Reiche und ärmere Arme, mit ein. Bane erscheint in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Wirren als vermeintlicher Erlöser für die einfache Bevölkerung, der den Leuten ein besseres Leben plus Abrechnung mit bisherigen Autoritäten verspricht, der jedoch nichts als ein skrupelloser Verführer ist und seine eigenen, finsteren Pläne verfolgt, was für eben jene Bevölkerung endgültige Konsequenzen bereithält. Sowas soll ja auch auf dem realen Planten Erde schon mal vorgenommen sein. Die erste deutsche Republik ja auch das Problem, der Rest ist dunkelste deutsche Vergangenheit und die finanzielle Lebensgrundlage von Guido Knopp. Die Kommentare wirken im Film erfreulicherweise nicht deplatziert und durchaus stimmig, so dass auch dieser Film den Spagat aus Unterhaltung mit einer Portion Zeitkritik packt. Nicht so gut, wie vielleicht sein Vorgängerfilm, aber allemal zufriedenstellend.

Okay, es gibt auch ein paar kleine Logiklöcher, bei denen man schon ein Auge zudrücken muss: Wieso Catwoman bis zum Ende des Films die wahre Identität von Batman nicht weiß, obwohl sie das erste Zusammentreffen zwischen Bane und der Fledermaus beobachtet, in der Bane dessen echten Namen erwähnt plus ihr die Maske vom Gesicht zieht, erscheint nebulös. Und dass am Schluss die Tatsache, das eine im Meer versenkte Atombombe detoniert, ohne eine Monster-Mörder-Welle auszulösen, auch nicht ganz wissenschaftlich gedeckt ist, dürfte ebenso klar sein. Ich verbuchs mal ganz generös unter künstlerische Freiheit mit dem Totschlagargument, dass Film bekanntlich ja seine eigenen Gesetze hat. Ha, klappt doch immer wieder!

Um zum Ende zu kommen: The Dark Knight Rises ist ein gelungener Film mit kleinen Schwächen, der damit eine der erfreulichen Ausnahmen inmitten der sonst üblicherweise dumm-dusseligen Hollywood-Action-Unterhaltung bildet.

Samstag, Juli 28, 2012

Land of the (Un)Free


Strafpark
Punishment Park
USA 1971  92 Min
von Peter Watkins
mit Patrick Boland, Kent Foreman, Carmen Argenziano
Blu-Ray (Eurovideo/Bavaria - Kino Kontrovers 12)

Aufgrund der politisch angespannten Situation zu Beginn der 70er Jahre in den USA mit Hippiebewegung, Rassenunruhen und den Protesten gegen den Vietnam-Krieg greift der Präsident auf ein bestehendes Notfall-Gesetz zurück, dass es den staatlichen Behörden erlaubt, jede Bürgermeinung abseits der offiziellen Doktrin und damit die Person selbst zu kriminalisieren. Kriegsgegner wie Regimekritiker werden in Schauprozessen abgeurteilt und müssen sich entscheiden zwischen einer langjährigen Gefängnisstrafe oder einer 3-tägigen Teilnahme am sogenannten Strafpark. Während Gruppe 637 in diesem unterwegs ist, wird über die Gruppe 638 Gericht gehalten – beides wird dabei dokumentiert von zwei europäischen Kamerateams.

„Strafpark“ spitzt die damalige politische Lage in den USA zu einer höchst beunruhigenden Dystopie zu. Das Land wird als undemokratisch und gewalttätig, als faschistischer Polizeistaat dargestellt, mitsamt seinen Konzentrationslagern Strafparks inklusive Schauprozessen und Todesmarsch. Die größte Leistung des Films ist dabei sein authentischer, dokumentarischer Anstrich: Innerhalb kürzester Zeit wurde der Film mit einer beweglichen 16m-Handkamera im Stil einer Reportage gedreht, auf Filmmusik wurde verzichtet (lediglich ein elektronischer, unheilschwangerer Ton ist mehrmals zu hören), der Kommentar fällt nüchtern und spärlich aus. Zudem entschied sich der Regisseur dafür, keine professionellen Schauspieler für den Film zu engagieren. Mit den gecasteten Laien wurden vorab nur die Eckpunkte der jeweiligen Rolle festgelegt, die Dialoge entstanden spontan, es wurde ohne Proben gedreht. Gerade die Rededuelle im Gerichtszelt profitieren in ihrer gewissen Unberechenbarkeit, Dynamik und Schärfe ungemein von diesen Entscheidungen.

Zusätzlich zum politischen Konfliktpotential enthält der Film noch eine zweite, gesellschafts- und medienkritische Reflexionsebene. Ein Kamerateam begleitet eine der Gruppen durch den Strafpark – ein meilenlanger Marsch durch die Wüste bei sengender Hitze – dokumentarisch distanziert. Auch als zu Beginn des Marsches von den Sicherheitskräften getätigte Versprechen sich als unwahr herausstellen, wahren sie die durch ihr journalistisches Ethos geforderte Neutralität und funktionieren dabei bewusst oder unbewusst als Rädchen im antidemokratischen Prinzip des Strafparks und seiner politischen Bedeutung selbst. Zudem wird der Vorgang des Dokumentierens als voyeuristischer Vorgang gezeigt, der die Frage impliziert, ob dies wirklich der Aufklärung dient, oder vielmehr zur Befriedigung der Sensationslust der Fernsehzuschauer geschieht. Auch auf dieser Ebene überspitzt Watkins die Rolle der Medien und formuliert dadurch seinen Aufruf an die Medien, indem er dem Kameratema eine Entwicklung zugesteht, die von emotionsloser, nüchterner Distanz hin zu aktiver Einmischung in das zu dokumentierende Geschehen geht, als sich der Konflikt zwischen Gefangenen und Sicherheitskräften entlädt.

Über einen großen Bekanntheitsgrad könnte sich Peter Watkins Film seit seiner Entstehung wahrlich nicht erfreuen. Dies verdankt er der Tatsache, dass der Film ein offener, polemischer Angriff gegen staatliche Repression in Krisenzeiten darstellt, der den Vereinigten Staaten von Amerika in bitterböser Deutlichkeit den Spiegel vorhält. Die Subtilität der feinen Anspielungen und Metaphern ist nicht das gewählte Mittel, mehr ein beherzter Tritt vors Schienbein … des Zuschauers, auf das er doch endlich aufwachen möge. Nein, definitiv kein Film zum Finden der eigenen seelischen Ausgeglichenheit und inneren Ruhe. „Strafpark“ macht zornig und wütend – ein Aufruf zur Gewaltausübung ist der Film jedoch nicht. Die Konsequenz solch einer filmischen Vorgehensweise war und ist jedenfalls klar: der Film fand in den USA keinen Vertrieb. Dort wo er in wenigen kleinen Hinterhofkinos lief, wurde er kaum beworben und nach kurzer Zeit wieder aus dem Programm genommen. Die größte Anzahl der Kritiken waren vernichtend. Auch in Deutschland wurde der Film erst ein Jahrzehnt später zum ersten Mal gezeigt.
Nach Editionen für den Heimfilmmarkt aus den USA und England liegt „Strafpark“ nun auch in Deutschland als DVD und Blu-Ray-Variante vor, sorgsam ausgestattet mit Textbooklet, Audiokommentar sowie einer halbstündigen Einführung und zwei frühen Kurzfilmen des Regisseurs. Wer spannendes, faszinierendes und aufwühlendes Politkino der 70er Jahre zu schätzen weiß, sollte einen Blick riskieren, denn Watkins Film stellt einen der gelungensten Beispiele dieser Ära dar. An Aktualität hat der Film thematisch bis heute nicht verloren, es reicht Stichworte wie „Patriot Act“, Guantanamo und Abu Ghraib zu erwähnen.  Und man muss sich ja an Beispielen nicht nur auf die USA beschränken…

Montag, September 12, 2011

Hoppla…


…nun ist es also passiert. 26 Jahre nach seiner erstmaligen Beschlagnahme ist einer der Horrorklassiker der 70er Jahre in Deutschland kein Hort der Verherrlichung oder Verharmlosung von grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten beziehungsweise einer die Menschenwürde verletzenden Darstellungsweise mehr. So hat es das Landgericht Frankfurt am heutigen Tage bekannt gegeben. Die Liste der in Deutschland nach §131 beschlagnahmten Filme muss somit künftig ohne das Blutgericht in Texas, auch bekannt als Kettensägenmassaker oder schlicht The Texas Chainsaw Massacre auskommen. Eine Premiere, denn bisher galt: Einmal drauf, nie mehr runter... Auslöser der Rehabilitierung des Films war eine Klage der Turbine Classics GmbH, die sich seit 2008 um die Freigabe des Titels bemühte. Somit dürfen sich wohl hierzulande alsbald Neugierige selbst ein Bild davon machen, dass der sagenumwobene Titel des Films mehr impliziert, als der Film letztlich enthält. Massaker ist nicht, dafür aber ein intensives und raues kleines Stück reinstes Terrorkino. Demnächst im Elektrofachhandel ganz in ihrer Nähe.

Sonntag, August 28, 2011

Affen zum Gaffen

Planet der Affen – Prevolution
(Rise of the Planet of the Apes)
USA 2011 105 Min
von Rupert Wyatt
mit Andy Serkis, Tom Felton, James Franco, Freida Pinto
20th Century Fox (Kino)

Da habe ich im Kino gesessen mit der sehr schmalen Erwartung, einem weiteren der in den letzten Jahren inflationär aus Hollywood kommenden, vergessenswerten bis maximal durchschnittlichen Unterhaltungsfilme beizuwohnen. Diese Tonnen an sinnlosen Remakes, Sequels, Prequels und anderer Langeweiler. Tja, und dann bekam ich fast nicht mehr meinen Mund zu – und das nicht etwa wegen einer Ladung Popcorn – nein, es war doch tatsächlich das, was dort auf der Leinwand vor mir dahin flimmerte.
Um es kurz zu machen, „Planet der Affen – Prevolution“ ist so ziemlich das Unterhaltsamste, was seit Jahren aus Hollywood abseits der Finchers und Nolans in die Kinos schwappt. Weil er all die Ingredienzien nicht hat, die mich zumeist stören:
1. Dem Film dient nicht ein simpel-langweilig-dämliches Drehbuchfragment als Dramaturgie-Kitt für endlos-breitgewalzte Actionsequenzen. Nein, die Story, die Charaktere und ihre Entwicklung haben den Vorrang.
2.Action kommt trotzdem vor, jedoch immer nachvollziehbar in die Handlung eingebettet. Zudem wird auf die bei mir berüchtigt-gehasste Wackelkamera verzichtet. Man erkennt einfach alles – nicht zu fassen. Scheinbar ist der Trend, zu diesem Stilmittel zu greifen, ja etwas rückläufig. Ich hoffe es zumindest. Jetzt muss nur noch jemand diesem Herrn Bay Bescheid sagen.
3.Es gibt keine doofen, weil pseudo-coolen, weil bemühten Einzeiler! Ich empfinde das als Segen. Denn ganz ehrlich, diese Sachen waren zu Zeiten von Lethal Weapon und Stirb langsam neu und originell. Seit Jahren ist es schon zum Dauer-Gimmick verkommen, an dem schon die Drehbuchautoren scheinbar kein Interesse mehr hatten, was sich im fertigen Produkt zumeist dann auch zeigt.
4.Das Drehbuch besitzt wieder Gespür für die richtigen Höhepunkte zur richtigen Zeit – und übertreibt diese auch nicht maßlos. Beispiel: Als Caesar dem fiesen Tierheim-Aufseher seine Auflehnung zu verstehen gibt und die Affenmeute zum Ausbruch aufstachelt, gibt uns das Drehbuch als dramaturgischen Höhepunkt sein erstes Wort – und nur dieses Eine! In vielen anderen Beispielen hollywoodesker Cashing-In-Ware hätte es wohl hier gleich noch einen Feldherren-Monolog zur Affen-Mobilisierung gesetzt. Hier gottseidank nicht…Auch in der Endszene wird nicht mehr geredet, als es für den Moment nötig erscheint.
Als Bonus gibt es noch eines der apokalyptischsten Enden in einem Hollywoodfilm. So dass ich mir fast wünschte, der Film würde für sich allein stehen und kein Prequel sein. Aber okay, wenn die Macher nicht an eine bereits existierende Geschichte andocken müssten, wäre so ein Ende mit den großen Geldgebern auch nicht machbar gewesen. Zu riskant, keine Frage. Gut gelöst ist es in jedem Falle, einen gewissen zeitlichen Zwischenraum zum Anfang des Originals zu lassen, den sich der Zuschauer locker zusammen reimen kann. Doch genau dieser Zwischenraum könnte, auch bei dem finanziellen Erfolg des Films, der sich ja abzeichnet, ein Handicap bereits in sich tragen: Er ist groß genug, um noch locker so 1 bis 3 weitere Prequels unterzubringen…We will see.
Egal, „Planet der Affen – Prevolution“ versetzt einen qualitativ in die guten Hollywood-Zeiten der 70er und 80er Jahre. Ich wünsche mir wieder mehr Filme dieser Güte.

Dienstag, März 14, 2006

The Stink Panther

Der Rosarote Panther
„The Pink Panther“
USA 2006 95 Min
von Shawn Levy
mit Steve Martin, Kevin Kline, Jean Reno, Beyonce Knowles
Kino (MGM)


Er kommt einfach nicht zur Ruhe, unser Paulchen Panther – und mit ihm die Herren Clouseau und Dreyfuss. Im Vorwort seiner Resteverwertung an unbenutzten Peter-Sellers-Aufnahmen („Der rosarote Panther wird gejagt“) meinte Regisseur und Filmfigurvater Blake Edwards ganz treffend: „For Peter – the One and Only Inspektor Clouseau“. Trotzdem versuchte auch Edwards nach dem Exitus seines begnadeten Hauptdarstellers noch etwas Geld aus der Panther-Idee rauszuholen: Die halbgaren bis äußerst schwachen Versuche nennen sich dann „Der Fluch…“ bzw. „Der Sohn des rosaroten Panthers“. Immerhin, eines tat er aus Respekt und auch Einsicht niemals: die Figur des Clouseau neu aufleben zu lassen. So dumm war der Komödien-Spezi Edwards nicht mal in seinen belanglosen Rentnerjahren.

Nun, Steve Martin, auch in den Rentnerjahren, IST so blöd. Anders kann man diese humorfreie Zone, die sich „Der rosarote Panther“ nennt, nicht erklären.

Sellers Figur war zwar trottelig, aber trotzdem liebenswert. Er war halt ein Pechvogel, der durch Zufall seine Fälle gelöst hat. Das war die humoristische Basis, auf der alle weiteren Gags aufbauten und wirken konnten. Steve Martin macht aus der Figur einen arroganten Angeber, der ungefähr so sympathisch ist wie ein Neonazi, der einem kleinen blinden behinderten Mädchen den Rollstuhl klaut und damit ihren Hund (der einzige Freund, den sie noch hat) plattfährt. (Er ist also ein waschechter Ami, der vorgibt, ein Franzose zu sein. Das ist NICHT witzig!) Kurzum: Wie bitte soll ich mit oder über eine Figur lachen, von der ich mir wünsche, sie würde nach 10 Minuten von der Leinwand verschwinden? Die Neuinterpretation der Figur des Inspektor Clouseau ist völlig misslungen, womit dem Film eben jene Grundlage fehlt, die die alten Filme hat funktionieren lassen. Das Gleiche trifft auch auf Kevin Kline als Dreyfuss zu, der aus seiner Rolle nichts machen kann, weil sie einfach nichts hergibt. Keine guten Gags, keine Entwicklung. In den alten Filmen war es strunzkomisch, wie Clouseau seinen Vorgesetzten Schritt für Schritt in den Wahnsinn trieb. Hier behilft man sich einer langweiligen „Ich-will-ne-Auszeichnung-und-Clouseau-brauch-ich-als-Bauernopfer“ Grundidee, aus der man kaum komisches Potenzial schöpft und das Ganze mit einem simplen „Wer-ist-der-beste-Detektiv“-Schluss a la Agatha Christie "krönt". Bei Jean Reno ist’s dann endgültig aus: Er soll wohl der "Kato“-Ersatz sein, darf aber außer einem Running-Gag, bei dem noch nicht mal der Mundwinkel für einen Sekundenbruchteil zuckt, nichts zum Film beitragen. Ich kann bloß hoffen, dass wenigstens die Gage hoch genug war.

Zudem reduziert das Gespann Martin/Blum den anarchischen, genreparodistischen Humor auf kreuzbraves Hollywoodniveau mit einigen „American-Pie“- Flatulenzanleihen, das ganze verwoben mit einer mächtigen Prise Franzosen-Bashing (Dieser Akzent, den die Sprechen! Is ja noch schlimmer als ihre Sprache! Und ein „H“ kriegen sie gar nicht auf die Reihe! Höhöhö!). Darüber lachen vielleicht noch ein paar Amis, die Frankreich nur von ihren Fritten her kennen, aber alle anderen? Eben: Fehlanzeige.

Den vorhersehbaren, halbgaren, simplen und meistens unwitzigen Gags passt sich die Regieleistung hervorragend an. Als Beispiel, die tolle „Ladykracher-like“ Sequenz vom Anfang: kleines Auto, große Parklücke: Schon der „Establishing-Shot“ dieser Szene verrät überdeutlich, was die nächsten Sekunden passiert. Okay, denkt man sich, der knallt vorn und hinten gegen die Autos, und man hofft, es würde dazu noch irgendetwas Überraschendes passieren, was die Kamera noch ausspart. Aber nein, Herr Martin verbeult die beiden Autos ein bischen, und das wars – Witze von Fips Asmussen (Ihr wisst schon, der mit der „Prostata-Tätowierten“!) sind Zwerchfell-Kitzler dagegen – und auch überraschender.

Was bleibt, sind Fragen:

1. War Steve Martin wirklich mal ein guter Komödiant?

2. Warum müssen die Amis selbst in einer Komödie durchscheinen lassen, dass ihre Kultur die allen überlegende ist? (siehe die oberpeinliche Hamburger-Szene in New York)

3. Warum müssen fast alle Beteiligten den ganzen Film einen total überzogenen französischen, wahlweise auch russischen Akzent sprechen?

4. Warum sind die verantwortlichen Synchronhupen so intelligenzbefreit und übernehmen das auch noch, nur schlechter (Stichwort: wegsehen <–> wichsen)?

5. Warum muss mir so etwas passieren?

Ich ging ins Kino, wenigstens mit der Hoffnung auf eine solide Komödie – aber das war einfach nur unterirdisch. Immerhin, die alten Filme mag ich nun umso mehr, auch was.

Sonntag, Oktober 16, 2005

Steter Tropfen nässt das Bett

Dark Water – Dunkle Wasser
(Dark Water)
USA 2005 105 Min
von Walter Salles
mit Jennifer Connelly, Ariel Gade, Pete Postlethwaite, Tim Roth
Kino (Buena Vista/Touchstone)

Dark Water
(Honogurai mizu no soko kara)
JAP 2002 98 Min
von Hideo Nakata
mit Hitomi Kuroki, Rio Kanno, Mirei Oguchi, Isao Yatsu
DVD (Widesight)


Walter Salles „Dark Water“ ist das erste Hollywood-Remake eines japanischen Horrorstreifens, das eine Daseinberechtigung hat. Im Gegensatz zu den beiden Ring-Filmen und „The Grudge“ wird hier nicht ein Erzählstoff simpel veramerikanisiert und massentauglich seichter gemacht, vielmehr wählt Salles für sein Remake den gleichen ruhigen, depressiven Ton des Originals. Alle Elemente finden sich auch bei Salles wieder, doch erreicht er durch eine andere Gewichtung dieser eine veränderte Sichtweise auf den Filmstoff.
Hideo Nakatas Originalfilm erzählt von einer jungen Mutter und dessen kleiner Tochter, die, mitten in einem Sorgerechtsstreit mit dem Vater des Kindes, in eine Wohnung umziehen. Dort gibt es Probleme mit sich vergrößernden Wasserflecken an der Decke und der Tatsache, dass auf dem Verschwinden eines Mädchens aus dem Apartment darüber ein dunkles Geheimnis liegt. Nakata folgt in seinem Film dem Erzählstil seines überaus erfolgreichen wie bekannten „Ring“. Er nimmt sich viel Zeit für das Aufbauen der Figurenkonstellationen und Situation, die die Frau in ihre neue Wohnung einziehen und dort ausharren lassen. Die gute klassische Horrortradition wird hier hochgehalten: Das Aufbauen einer Atmosphäre latenter Bedrohung, ausgelöst durch einen unfreundlichen Ort, unerquickliche und depressive Begleitumstände, nach und nach eingestreute erklärende Details für die Zuschauer und eine fahle und trostlose Farbgebung. All dies hat das Remake ebenfalls zu bieten, jedoch verschieben sich bald die Blickwinkel beider Filme. Salles teilt dem Zuschauer erst sehr spät mit, dass das Kind aus der Wohnung darüber verschwunden ist und nie gefunden wurde. Eine Information, die Nakata sehr viel früher in seinem Film gibt. Ein wichtiger Fakt, ist er doch der Auslöser des übersinnlichen Geister- und Gruselplots. Hier zeigt sich der Hauptunterschied beider Filme klar. Nakatas Film ist und will ein Horrorfilm sein, Salles’ Remake ein Drama. Durch die unterschiedliche Wissensgrundlage des Zuschauers werden auch die anfänglichen Geschehnisse im Appartment darüber anders wahrgenommen. Dienen diese Nakata zur Erzeugung von Angst und Grusel vor dem Unbekannt-Irrationalem, so werden sie bei Salles als weitere Belastung des Nervenskostüms und der verdrängten Kindheitserinnerungen der Hauptfigur gesehen. Dem unterschiedlichen Ansatz zur Folge steht beim Remake die Figur der Mutter mehr im Vordergrund. An ihrer Entwicklung, ihrer Zerbrechlichkeit, Labilität, aber auch Stärke, Liebe und Durchhaltevermögen in der derzeitigen Lebenssituation ist Salles hauptsächlich interessiert (schon seine vorherigen Filme „Central Station“ und „Die Reisen des jungen Che“ hatten die Wandlung und Reifung eines Charakters unter schwierigen Begleitumständen zum Thema). Er und sein Drehbuchautor Rafael Yglesias geben mehr Information zum biographischen Background (die Rückblenden auf die Kindheit) und schnüren ein komplexeres Netz von Personen um die Hauptfigur herum. Sowohl der Hauswart, der Ehemann und der Anwalt sind im Remake stärker präsent, die beiden jugendlichen Skater, die eventuell vom Ex-Mann angeheuert wurden, kommen im Original überhaupt nicht vor. Sie erhöhen die seelischen Belastungen der Hauptfigur und drängen die übersinnlichen Aspekte des Films zeitweise in den Hintergrund. Hier hat dann auch das Remake seine Achillesverse: Salles Film ist in großen Teilen so sehr ein „realistisches“ Drama, das der Subplot mit dem Geist des verstorbenen Mädchens schon fast nicht mehr passen will, fast wie ein Fremdkörper erscheint. Begünstigt wird dies auch dadurch, dass Salles aufgrund seiner Ausrichtung des Stoffes an ausgedehnten Spannungssequenzen, die das Erscheinen des Geistes des toten Mädchens betreffen, nicht interessiert ist. Die Szene im Toilettenraum der Schule sowie das Finale werden zwar gefällig inszeniert, jedoch wird das Schock- und Suspensepotential der Situationen nicht genutzt, die Szenen sehr kurz gehalten, wo das Original einen noch in die hinterste Ecke der Coach hat zurückweichen lassen. Das Salles’ jedoch der Spagat zwischen Drama und dem Geisterplot gelingt und sein Film über das Mittelmaß hinauskatapultiert liegt zum einen an seiner guten Regie, den hervorragenden Bildern von Affonso Beato sowie am guten Darstellerensemble, allen voran seiner Hauptdarstellerin Jennifer Connelly, die einfach grandios die innere Zerrissenheit und zunehmende Verzweiflung, Panik und Überanstrengung ihrer Figur auf die Leinwand bringt mit Unterstützung ihrer dunklen, geheimnisvollen Augen.

So kann der geneigte Zuschauer wählen: Möchte er ein sehr gutes Drama mit Geister-Subplot oder lieber einen kreuzunheimlichen Gruselfilm sich zu Gemüte führen. Ich für meinen Teil kann mit beiden leben und hoffe, das, wenn wir schon mit Remakes aus Hollywood bombardiert werden, sie sich zukünftig ein Beispiel an „Dark Water“ nehmen, indem sie die Grundstimmung und das Grundgerüst beibehalten, jedoch andere Aspekte der Story hervorheben, ohne in oberflächlichem Müll abzugleiten. Ich weiß, es wird leider nicht mehr als ein frommer Wunsch bleiben.

Sonntag, September 11, 2005

Bayern

Land of the Dead
USA 2005 93 Min
von George A. Romero
mit Dennis Hopper, Simon Baker, John Leguizamo, Asia Argento
Kino (UIP)

Die Toten haben sich über die Erde verbreitet und die Menschen gezwungen, sich in die Städte zurückzuziehen. Eine davon ist „Fiddlers Green“, ein gigantischer Gebaüdekomplex, in dem sich die herrschende Elite eingerichtet hat, während unten in den Slums das Elend vorherrscht. Doch auch die Untoten, abgegrenzt durch Zäune und Wasser, scharen sich um ihren Anführer „Big Daddy“ zusammen, um zum Sturm auf die Stadt anzusetzen.

Onkel Georgies Rasselbande ist wieder da. Immer noch langsam vor sich hin schlürfend, immer noch politisch kontextuiert, immer noch richtig gut. „Land of the Dead“ ist, obwohl beileibe nicht perfekt, doch einer der besten Horrorfilme des aktuellen Jahres. Anders als „Boogeyman“, „The Ring“, „The Grudge“ oder ähnliche Traumfabrikware ist Romeros Film eben kein oberflächlicher, seelenloser und kreuzdämlicher Möchtegern-Grusler, der alle 3 Minuten einen schrillen Soundeffekt braucht, um sein dramaturgisches und niveauvolles Versagen zu kaschieren und einem dort mit blöden Spezialeffekten bombardiert, wo eigentlich Platz für Atmosphäre und Grusel sein sollte.
Tatsächlich stellt sich bei Romeros viertem „Dead“-Eintrag zuweilen ein wohliges Gefühl ein, als wäre der ernste, handwerklich saubere und spröde, ungehobelte und noch nicht glatt polierte Charme der 70er und 80er Jahre - Horrorfilme wieder auferstanden. Herr Romero ist eben auch kein x-beliebiger Auftragsregisseur, sondern weiß halt, was das Wort „Horror“ bedeutet und was einen guten Horrorfilm ausmacht. Stimmungsvolle Bilder zum Beispiel, beginnend von der Titelsequenz, über die Stadtszenen, in denen wahlweise Riley und Charlie oder aber die einfallenden Zombies umherwanken bis hin zu den aus dem Wasser auftauchenden Untoten. Auch hier bewahrheitet sich: Es muss nicht neu sein, es muss gut umgesetzt sein! Auch hat es Romero nicht notwendig, gerade in den Actionszenen mit der Kamera rumzuwackeln, um dem Kinozuschauer eine verkrampfte Ahnung von Hektik und Aufregung zu vermitteln (An der Stelle schöne Grüsse ans Remake, dass gerade hierin seine stilistische wie auch handwerkliche Hauptschwäche hatte). Nein, genau genommen ist der Film sogar recht statisch inszeniert. Ob das als eine Reaktion auf eben jenen aktuell grassierenden und schon lange zum Klischee verkommenden Wackelstil aufgefasst werden kann? Jedenfalls wird dem Zuschauer dass heutzutage seltende Privileg gewährt, eine gelungene Kameraeinstellung zu bewundern, die länger als 3 Sekunden andauert. Auch der Soundtrack vom „Lola rennt“ Team Johnny Klimek und Reinhold Heil kann sich hören lassen und passt sich gut in die Reihe nach Goblin und John Harrison ein. Endlich mal wieder ein Horrorfilm ohne stussige Rocksongs (Tach, Herr Snyder!).

Okay, mit seinen zeitlichen Konkurrenzprodukten fährt Romeros ordentlich Schlitten, doch wo steht der Film innerhalb seiner Serie? Definitiv wird man den Film sowieso erst mit etwas zeitlichem Abstand einordnen können. Fest steht aber schon jetzt, dass „Land“ keineswegs perfekt ist. So verhalten sich die Figuren in Fiddlers Green, die sowieso schon alle schablonenartig gestrickt sind (die Ausnahme bildet da noch Charlie in seiner naiven, einfachen, aber doch liebenswerten Art, eine der besten Charaktere, die seit einer langen Zeit in einem Horrorfilm aus Hollywood zu sehen war), im Film weitesgehend stereotyp. Hier findet auch die Akzentverschiebung, die Weiterentwicklung innerhalb der Serie statt: Was „Bub“ in „Day of the Dead“ andeutete, stellt „Land“ noch stärker heraus. Die Lebenden scheinen am Ende ihrer Entwicklung angekommen zu sein, demnach können sich eigentlich nur noch die Untoten weiterentwickeln. Wenn einem dieses Gedankenkonstrukt gefällt, welches ja über das Ende hinaus aufrecht erhalten wird (man denke an die neuen Hausherren in „Fiddlers Green“, die schon genauso viel Heimtücke und Machtgier im Blick haben wie die Alten), dann sind die eindimensionalen menschlichen Charaktere nahezu zwingend und notwendig. Nein, der Hauptkritikpunkt liegt woanders: Der Film ist schlicht und ergreifend zu kurz. Ich hatte speziell in den ersten 15 Minuten das Gefühl, dass Romero in der Kinoversion schnell zur Sache kommen, rasch die Konflikte aufbrechen wollte. Zumindest wirkte der Anfang reichlich sprunghaft, ich hätte mir mehr einführende Sequenzen gewünscht, die dass soziale und gesellschaftliche System „Fiddlers Green“ deutlicher aufzeigen und akzentuieren, inklusive einer größeren Präsenz vom Obercheffe Kaufman Es würde mich zumindest nicht überraschen, wenn dort ein Großteil der zusätzlichen Szenen des kommenden Directors Cut zu finden sind. Selbst wenn dem so wäre, würde es das Problem nur punktuell verkleinern: Dem Film hätte mehr Story besser zu Gesicht gestanden.
Auch die politischen Kommentare dürfen natürlich im vierten Film nicht fehlen. War „Night“ ein Kommentar zum Thema Vietnamkrieg und den Rassenunruhen, „Dawn“ ein ironischer Abgesang auf die Konsumgesellschaft und die von ihr Ausgeschlossenen, „Day“ eine Abrechnung mit der Militarisierung unter der Reagan-Ära, so fährt „Land“ nicht weiter überraschend seine Angriffe gegen die Bushregierung und deren verhängnisvolle Politik für das Land. Der soziale Frieden ist dahin, die Kluft zwischen „Arm“ und „Reich“ schon längst gigantisch – und Romero zeigt, wohin dies führen kann – und wahrscheinlich auch wird. Die Verlierer dieser Politik werden sich zusammenrotten, aufbegehren und zum „Sturm auf die Bastille“ (Kaufman) antreten, sobald sie nur einen Anführer (Big Daddy) gefunden haben. Viele Enttäuschte werden sich vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten frustriert abwenden und woanders ihr Glück versuchen (Cholo, Riley). Auch zum Thema Hautfarbe gibt Romero durch die Rollenverteilung seinen subjektiven Blick auf den Ist-Zustand der USA wieder. In der privilegierten Welt der Reichen und Mächtigen kann es ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe höchstens bis zum Butler bringen, ein Klassendenken, dass der einfachen Schicht (den Zombies) fern liegt. Und wo die Reminiszenz bei den Uniformen des Wachschutzes liegt, ist dann auch mehr als überdeutlich (noch deutlicher war eigentlich nur noch „Starship Troopers“). All diese Subtexte werden von Romero wie immer mit dem Holzhammer dargeboten (O-Ton Kaufman: „Wir verhandeln nicht mit Terroristen!“), was für Romero typisch ist, jedoch ins Bild passt, da es doch so zu seien scheint, dass eine subtilere Behandlung solcher Themen bewirkt, dass sie das normale (US-) Publikum nicht erkennt (wie anders ist die marktschreierische Art Michael Moores und sein darauf basierender Erfolg sonst zu erklären?)

„Land of the Dead“ kann sich sehen lassen. Trotz Schwächen im Drehbuch ist der Film eine gute, logische und konsequente Weiterentwicklung der romeroschen Untoten-Serie, die zudem beweist, dass es Georgie als Regisseur immer noch drauf hat. Und wenn ich mir die gelungenen graphischen Effekte der KNB-Group um Frontmann Greg Nicotero anschaue – und dies mit der hiesigen Freigabe verbinde, so müssten auf der Stelle die beiden filmischen Vorgänger hierzulande aus dem Giftschrank geholt werden. Jedenfalls haben sich durch diese erteilte FSK-Freigabe nun endgültig die alten Verbotsbegründungen überlebt.

Dienstag, Juli 12, 2005

Wunder gibt es immer wieder...

Krieg der Welten
(The War of the Worlds)
USA 2005 116 Min
von Steven Spielberg
mit Tom Cruise, Dakota Fanning, Justin Chatwin, Tim Robbins
Kino (UIP)

Mein Gott, olle Steven hat auf seine alten Tage noch mal einen rausgehauen! Tatsächlich ist „Krieg der Welten“ im Bereich Hollywood - Blockbuster der beste seiner Zunft seit einigen Jahren. Okay, die Story hat so ihre Schwachstellen. Geschenkt, denn das war eh vorher klar angesichts der bekannten Vorlage. Viel mehr sah ich meine derzeitigen Vorbehalte gegen Hollywood wieder mal bestätigt, als bekannt wurde, dass Spielberg sich großzügig von der Armee beim Filmdreh unterstützen lies. Zu lesen war auch von der momentanen Intention der US-Army, bei gewährter Hilfe im Gegenzug besseren Zugriff und Mitsprachemöglichkeiten auf das Drehbuch und die Dreharbeiten zu bekommen. So stand wohl auch am Set von KdW der Pentagon-Mann immer in Reichweite von Herrn Spielberg. Zudem erwähnte Steven ja, dass er sich sehr an das Original von 1953 halten werde, welches ja vor Pathos und Melodramatik nur so trieft! Umso mehr erstaunt es mich, wie wenig patriotisch oder pro-militaristisch Spielbergs Film ist. Beides findet faktisch einfach nicht statt! Da sitzt man im Kinosessel, mit den Negativbeispielen der vergangen Jahre im Hinterkopf, und – denkste. Was auch immer Spielberg hier geritten hat, er sollte es öfter tun!
Auch seine Inszenierung weiß zu gefallen, einfach weil er sich offensichtlich an die guten 70er und 80er Jahre erinnert hat. Kurzum – Spielberg setzt auf echtes, ehrliches Regiehandwerk, was dem Film und seiner Wirkung deutlich zu Gute kommt. Keine wild herumfuhrwerkende Kamera, keine Shutterspielereien, keine pseudo-coolen Zeitraffer / Zeitlupen-Aufnahmen. Spielberg inszeniert technisch grundsolide – und damit richtig gut. Tatsächlich ist das doch der erste Sci-Fi/Horror/Action-Blockbuster seit Jahren, bei dem ich zu jedem Zeitpunkt wusste, was da genau gerade im Bild passiert. So wird der Blick frei auf wirklich tolle visuelle Bildkompositionen, auf wohl gewählte Kamerafahrten; die beweisen, dass Spielberg es einfach draufhat, wenn er nur will.
Auch bei den Effekten schert KdW in angenehmer Weise aus der derzeitigen Hollywood-Masche aus. Es geht mir dabei gar nicht um die Qualität der FX (die zu gefallen wissen), sondern um deren Einsatz. Tatsächlich war hier seit langem einmal NICHT dieser Hang nach MEHR zu verspüren, der sonst so unangenehm in vielen anderen Filmen seiner Art auffällt (man siehe sich Blade 3, Star Wars 1-3 oder ähnliche hohle Effekt-Orgien an). Nein, Spielberg unterwirft die Effekte seiner Inszenierung und zeigt nur das was unbedingt notwendig ist. Eine löbliche und meiner Meinung nach die einzig richtige Einstellung, an der sich andere Hollywood-Regie-Bembel mal ein Beispiel nehmen sollten.
Auch für John Williams ist KdW die reinste Frischzellenkur. Unfassbar, ich konnte es am Ende kaum glauben, das da sein Credit im Abspann stand, denn der Score hörte sich so gar nicht nach dem Einheitsbrei an, den Williams die letzten Jahre verzapft hat (zuletzt bei SW 3). Hier haben wir es mit einem wunderschön einfachen, geerdeten Score zu tun, keine bis zum Erbrechen eingesetzte Choräle, keine patriotischen Melodiebögen – Williams Score fügt sich einfach nahtlos in den Film ein und unterstützt dessen düstere Atmosphäre bestens.

Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, aber der Film beweist: Man hat in Hollywood das Kinohandwerk noch nicht gänzlich verlernt. „Krieg der Welten“ ist spannend, nie langweilig, (für einen Hollywoodfilm) erstaunlich düster und erfreut Auge und Ohr. Mehr erwarte ich von einem Blockbuster nicht. Das Tommie-Boy alles, nur kein Hafenarbeiter ist: Geschenkt. Kleinere Logiklöcher (z.B. die laufende Videokamera, obwohl alle technischen Geräte im Arsch sind): Geschenkt. Der Film unterhält Bombe, und ich kann nur hoffen, dass andere Herren aus Hollywood das selbe wie Steven gesoffen haben.

Sonntag, Juni 05, 2005

Hau den Lucas!

Star Wars III - Die Rache der Sith
Star Wars III - Revenge of the Sith
USA 2005 140 Min
von George Lucas
mit Ewan McGregor, Nathalie Portman, Hayden Christensen, Samuel Jackson
Kino (Fox)

So, das wars dann wohl. Georgie-Boy hat sein Star Wars Imperium (zumindestens im Kino, zumindestens vorläufig) abgeschlossen. Leider nur 22 Jahre zu spät. Denn filmhistorisch gesehen ist er mit seiner neuen Trilogie schon lange zur dunklen Seite der Macht gewechselt. Anders jedenfalls ist die filmische Totalverweigerung, die sich "Star Wars 1 - 3" nennt, kaum zu erklären. Ja, auch "Die Rache der Sith" passt sich seinen beiden Vorgängern an. Knallbuntes Effektkino ohne jede Seele. Ein Film mit niedrigem Verfallsdatum.

Regie
Einfallslos und uninspiriert. Wie eine nicht motivierende Auftragsarbeit kurbelt Lucas die Szenen runter. Schema 1: Man beginne die Szene in einer Totalen und fahre dann im Verlauf einer Szene nah an das Objekt heran. Schema 2: Man schneide Totalen und simple Schuss-Gegenschuss-Aufnahmen aneinander. In Ausnahmefällen werden beide Schematas auch mal kombiniert. Visueller Einfallsreichtum sieht anders aus. Auch die Actionszenen sind alles andere als gelungen. Meistens klebt Georgie einfach viel zu nah an den Charakteren, so dass das Ganze schnell unübersichtlich wird (und aufgrund der Laserschwert-Flackerei in den ersten Kinoreihen akute Epilepsie-Gefahr besteht!). Auch die immer als gelungen und atemberaubend beschriebenen Eingangszenen sind von der Kameraführung einfach nur schlecht. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Kamera recht ziel- und wahllos irgendetwas ins Bild nimmt, aus dem Bild verliert und herumschwenkt. Innovativ wie ein Pfund Gehacktes von der Fleischtheke.
Warum nur musste Lucas alle neuen Teile selbst inszenieren? Bei der Ursprungtrilogie konnte er sich noch besser einschätzen und überliess Teil 2 und 3 (nun Teil 5 und 6) anderen Regisseuren.

Schauspielführung
Gehört ja eigentlich zum Regisseursberuf dazu. Nur George hat das bis heute nicht begriffen. Entweder, weil er es schlicht und ergreifend nicht kann, oder aus simplen Desinteresse. Den Darstellern stehen jedenfalls die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Was willst du bloss von uns, alter Mann?

Drehbuch
Dass Schreiben ja noch nie die Domäne von GL war, ist ja schon lange bekannt. Nach "Krieg der Sterne" sah er dies wohl auch selbst ein und stellte sich aus Selbstschutz bei den Teilen 5 und 6 einen Co-Autor zur Seite, was den beiden Filmen sichtlich guttat - vor allem in Pukten Dialog und Dramaturgie. Genau daran haperte es bei Teil 1 und 2, genau daran scheitert auch Teil 3. Im Eilschritt arbeitet das Script Szene um Szene ab, findet nie eine Verbindung zu einem großen Ganzen. Eine simple Nummernrevue, die von der schon erwähnten uninspitierten Regie noch "effektvoll" versehen wird. Auch dramaturgisch wäre viel, viel mehr drin gewesen: Ob der "Umschwung" Annies hin zur dunklen Seite der Macht, sein Unfall (erst fängt er an zu brennen, plötzlich hört er mittendrin einfach auf?!?), seine Verwandlung zu Darth Vader oder die total vermurkste Idee der Paralellhandlungen - das wirkt alles nicht sehr ausgereift, dafür aber unglaublich spannungsarm.

Schnitt
Das gewählte Mittel der Crosscuts, der Parallelmontage von zwei Szenen ist, wie schon erwähnt, schlicht und ergreifend dramturgisch fehl am Platze, da das Auseinanderpflücken der Szenen weder der Spannung, noch der Dramatik zuträglich ist. Da beides sowieso nicht vorhanden ist, wirkt das Mittel sogar kontroproduktiv und zieht das Werk zusätzlich noch nach unten, auch weil den beiden Schnittmümmeln gerade hier jegliches Timing fehlt.

Effekte
Was zuviel ist, ist einfach zuviel. Dieser Drang nach "MEHR!!!" geht mir an Hollywood ja schon seit Jahren auf den Zeiger - und die Siffkrieger hauen voll in die Kerbe rein. Natürlich - ein Star Wars muss auf Effekte setzen. Nur sollte man so viel Abstand zu seinem Werk haben, das man ein gewisses Maß walten lässt. Leider hat Lukke seinen Messbecher schon lange zu nem Blumentopf umgewandelt, denn was einem hier an kriechenden, fliegenden, rennenden, keuchenden und immer dämlichen Viechern über den Weg läuft, nervt schon nach kurzer Zeit. Immerhin kann man so nach kurzer Zeit anfangen, seinen Gähnreflex zu trainieren. Immerhin lässt sich bei diesen Figurensammelsurium so noch mehr aus dem Merchandising holen. Obwohl: so unoriginell wie die Viecher waren, glaube ich nicht so recht daran. Alleine als Captain Crossant seine vier Laserschwerter in die Griffel nahm, fühlte ich mich an Harryhausen's Medusa erinnert (Zumal die genauso gut animiert war!). Für mich war die Sache mit den "tollen" Effekten ab der Szene gegessen, als Chris Lee im Salto die Abkürzung anstatt der Treppe nahm.

Schauspieler
Die können einem echt leid tun. Am besten kam ja noch Chrissi Lee weg, der konnte sich nach dem Anfang das ganze von Draussen ansehen. Die anderen hatten weniger Glück. Es macht den Herren McGregor, Jackson und Portwein (sorry, Miss!) sichtbar keinen Spass, die ganze Zeit nur vor Blue- oder Greenscreens zu stehen. Man stelle sich dass mal vor: "Also Ewan - du stellst dich jetzt mal hier hin und gehst dann nach links. Die grübe Wand hinter dir ist ne tolle Ansicht von deinem Heimatplaneten. Neben dir laufen ein Wookie, sieben Flügeldruiden und 2 furzende Kloroboter mit Diarrhoe - natürlich nicht jetzt, sondern später erst. Dann gehst du durch diese imaginäre Tür, in ein nicht vorhandenes Zimmer und setzt dich auf ne Coach, die wir dir auch erst später unter dem Arsch rein digitalisieren!" Welcher gestandene Mime wäre da nicht angepisst von seiner Arbeit? Immerhin haben diese Herrschaften so viel Talent, dass dabei immerhin noch was einigermaßen solides dabei rauskommt. Bei weniger guten Kamerahoppeln ists da allerdings aus. Richtig, die Rede ist von Hayden Christensen. Der Junge bringts einfach nicht. Wie will man den eh schon dramturgisch verhauenen Kampf zwischen "Gut" und "Böse" halberwegs gut rüberbringen, wenn man nur mit Mühe auf einen Gesichtausdruck kommt? Scahut man in den Nahaufnahmen in Christiansens Gesicht, dann sicht man in ein großes, kulleraugiges Nichts.

Musik
Tja, die Williams-Christ-Birne liefert was grundsolides ab, zumeist recycelt aus seinen vorhergehenden Scores. Das klingt alles nicht schlecht, packt einen aber auch nicht an den Eiern.

Was bleibt, ist ein generelles Problem: Durch die neue Trilogie geht auch teilweise die Dramaturgie der Alten flöten. Wenn in Teil 6 olle Vader Luke nun eröffnet, das er sein Vater sei, mussen sich zukünftige Star Wars-Generationen nun sagen: "Weiß ich, und zwar schon lange." Auch Yoda verwandelt sich nun, vom hüpfenden Flummi aus Teil 1 - 3 auf einmal in einen steinhockenden Greis. Diese und andere Dinge werden aber Georgie wohl sicherlich dazu bewegen, nach mal Hand an seinen Ur-Trilogie zu legen. Ach was: Warum nicht noch mal neu drehen? Diesmal auch mit computeranimierten Schauspielern? Der Harrison Ford sieht heute nämlich nicht mehr so knusper aus! Dann muss Georgie auch nicht mehr mit diesen doofen Schauspielern arbeiten, die ja nicht so wie Digitaleffekte schön die Fresse halten und zu allem "Ja" und "Amen" sagen. Endlich: ein kompletter digitaler Star Wars-Film!!! Spinnerei sagt ihr? DIESEM Oppa ist ALLES zuzutrauen.

So, dass musste jetzt einfach raus! Ach ja: noch was zum Thema Komik in ST III: Wenn ich mir ne Weltraumkomödie anschauen will, dann gucke ich mir SpaceBalls an. Der nahm sich nämlich erfrischend wenig ernst. Hätte sich Georgie ne Scheibe davon abschneiden können, denn seine Gags verlaufen hier kilometerweise unter der Grasnarbe. Darauf erst mal ne Dose PerriAir!