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Sonntag, Februar 02, 2014

Night Train – Der letzte Zug in die Nacht


(L‘ultimo treno della notte)
a.ka. Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien
ITA 1975 94 Min
von Aldo Lado
mit Flavio Bucci, Gianfranco de Grassi, Macha Meril, Franco Fabrizi
Deutscher Kinoverleih: Nobis
Blu-Ray / DVD (Koch Media)

"Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien". Was für ein Titel! Das riecht nach deftiger Exploitation, einem Paradebeispiel von Bahnhofskino-Schmuddel. Subsumiert also alles, was sog. Fachjournalisten so gern als reaktionär oder gar faschistoid brandmarken. Mal abgesehen von der generellen Fragwürdigkeit solch schablonen- und reflexartiger Zuschreibungen legt der deutsche Titel eine Erwartungshaltung nahe, die der Film dem Zuschauer nahezu grundlegend verweigern wird. Deswegen auch der zweite deutsche Kinotitel in der Überschrift.

Dabei ist die Geschichte an sich von klassischem Rape-and-Revenge-Zuschnitt. Zwei 16-jährige Mädchen werden  an Weihnachten während ihrer Zugfahrt von München nach Turin vergewaltigt und enden tot neben den Bahngleisen. Der Zufall will es, das die TäterInnen just im Elternhaus eines der Mädchen Unterkommen. Als der Vater dahinter kommt, heißt es Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ja, der Film entstand aufgrund des Erfolges von Wes Cravens „Mondo Brutale“ („Last House on the Left“), der 1972 die westliche Hemisphäre schockierte, und wiederrum eine Adaption von Ingmar Bergmans  Film „Die Jungfrauenquelle“ darstellt. Cravens Film war preiswert, dreckig  und ungehobelt; auf Krawall gebürstet; mit einer scharfen Trennung von Gut und Böse. Durchaus als Reaktion auf die gewalthaltigen Vorgänge seiner Zeit (Vietnamkrieg etc.) zu sehen, war die Herangehensweise spontan, affektiv und wütend, vom gesellschaftlichen Unbehagen des Regisseurs untermauert. Pubertärer Weltschmerz – roh, direkt und unversöhnlich. Dem entgegen stellt Aldo Lados Streifen inhaltlich die erwachsene Variante dar – reflektiert, zynisch, desillusioniert. Der gesellschaftliche Mikrokosmos, der den letzten Zug in die Nacht besteigt, lässt einen in der Mehrzahl nämlich frösteln. Das Unschuldige hat wenig Chancen rein zu bleiben, was die beiden Damen vor ihrem Ende leidvoll erfahren müssen. Der Grundton des Films ist zutiefst pessimistisch: Unschöne Gestalten bevölkern die Welt; und nicht alle sind leicht zu erkennen. Egal ob Hausfrau, Kleinkrimineller, angesehener Arzt oder Familienvater – überall wartet tief im Inneren das Ekelhafte, Perverse, Zerstörende…einmal freigelassen, zerbröselt es den Kitt des  aufgeklärten, friedfertigen und moralischen Homo sapiens schneller als der Karabiner geladen und entsichert ist.
Aldo Lados Regie untergräbt dabei stets alle spekulativen Erwartungshaltungen. Die Schandtaten sind geschickt inszeniert, so dass sie intensiv wirken, ohne in einem Zeigegestus abzufallen. Möglichkeiten für das Zeigen nackter Haut werden demnach kaum genutzt. Viel mehr ist der Film an den Reaktionen und Gefühlsäußerungen seiner Protagonisten und deren Macht- und Figurenkonstellationen untereinander interessiert. So überrascht er gleich mehrfach mit Brechungen einer genrebedingten stereotypen Charakterisierung. Hierbei stellt Macha Merils Figur den Ankerpunkt des Films dar, ist sie doch die treibende Kraft der tragischen Ereignisse und sorgt für ein unangenehmes wie brillantes Filmende.
Die biedere, kultivierte, feine Dame wird zur Wortführerin und Aufwieglerin von zwei Kleinkriminellen. Der blind vor Wut schnaubende, angesehene Arzt und Familienvater inszeniert seine Rache wie eine Hinrichtung, und trifft dabei auch denjenigen des unheiligen Duos, der nichts zur Eskalation der Dinge im Zug beigetragen hat. Aufgeklärte, intelligente Menschen debattieren über die Ursachen der (gefühlten?) zunehmenden Gewalt und führen diese Thesen höchst selbst ad absurdum. Alles gelungene Beispiele dafür, dass „Night Train – Der letzte Zug in die Nacht“ sich nicht nur plakativen und reaktionären, sondern jedweden Aussagen verweigert. Das kann man als misanthropisch verdammen. Oder ehrlich nennen. In jedem Fall hinterlässt der Film ein ungutes Gefühl in der Magengegend und wirkt auch in der Birne nach – was mehr kann man bei der gewählten Thematik verlangen!?

Dienstag, November 12, 2013

Das war nix, Kommissar X


Kommissar X jagt die roten Tiger
D/ITA 1971 85 Min
von Dr. Harald Reinl
mit Tony Kendall, Brad Harris, Rainer Basedow, Gisela Hahn
Video (VMP)

Zwischen 1966 und 1969 konnte sich Herr X ausgiebig in deutschen Kinos austoben. 6 Spielfilme entstanden in kurzer Reihenfolge, was, wie immer, dazu führte, dass der Wind der konzeptionellen Abnutzung die Zuschauer nach und nach aus den germanischen Kinotheatern wehte. So wurde branchenüblich Herr Kommissar aufs Altenteil gehievt, um seinen Lebensabend fröhlich schlabbernd vor sich hin zu örken. Doch nicht lange sollte er ihn wohliger Nichtstuerei vor sich her faulen, denn ein findiger Produzent wollte 1971 noch einmal alles auf den alten Klapperkasten setzen. Ein Re-Boot also, und mit im Boot saß auch sein alter Spießgeselle Tom Rowland. Ein paar modische Neuerungen, vor allem in der Gewaltsektion, zu der ewig gleichen abgedroschenen Agentensülze (Geheimorganisation, Frauen, exotische Kulisse etc.) sollte die Zuschauer wieder für den guten Kommissar X einnehmen. Dazu wählte man noch Qualität für den Regiestuhl und ließ sich gleich den Filmdottore Reinl kommen und das Abenteuer marktgerecht in die Filmrolle zu hämmern. Doch irgendwie irgendwo müssen sich die Dinge während der Produktion dann negativ entwickelt haben (wahrscheinlich war einfach auch das Budget knapp) – oder um es kurz zu sagen: „Kommissar X jagt die roten Tiger“ ist ein ziemlicher Heuler geworden. Warum? Wieso? Weshalb? Gucken wir uns die Sache mal an:

Regie/Schnitt: Reinls Arbeitszeugnis würde bei diesem Film wohl lauten: „Er war stets bemüht!“ Oder aber: „Akute Unlust tötete die Kreativität!“ oder wahrscheinlicher: „Wenig Budget = wenig Drehzeit = wenig Regie! Tatsächlich zeigt die Regieleistung deutliche Anzeichen dafür, dass die Brieftasche der Produzenten wahrscheinlich nicht allzu weit geöffnet war. Es gibt massenweise Zooms und hastige Szenenwechsel, so dass ich mir sekundenweise immer wieder wie in einem Erguss des guten alten Jess Franco vorkam. Der Drive fehlt auch in Punkto Schauspielerführung. Das schaut alles ziemlich teilnahmslos aus, so als wolle uns der Doktor zurufen, dass er keinen Bock auf den Mist hatte. Interessant ist in dem Zusammenhang die Frage, ob der fertige Film von vornherein so konzipiert war, oder aber in der Post-Produktion noch krampfhaft versucht wurde, zu retten, was noch zu retten ist... Warum ich mir diese Frage stelle, Teil 1 - Die Actionszenen: Die sind ziemlich vergurkt, weil sie mit einem stetigen Zeitraffer versehen sind, der an selige 30-50er Jahre-Filme erinnert. Ob der gute Regie-Doktor dafür sein Einverständnis gegeben hat? Oder er sogar meinte, dass sähe gut aus? 
Kendall/Harris/Basedow: Alle drei wirken auch etwas müde in dem Film. Um das aufzupeppen, hat man gerade den Dialogen der Herren Kendall und Harris ein Brandt-zeichen auf die Schalmei  gestanzt. Jepp, es gibt die volle Ladung an mal mehr, mal weniger gelungenen Einzeilern, gepaart mit etwas Situationskomik und ein paar Rainer-Klassikern – der „Scheuerfutz“ ist auch wieder an Bord. Das ist tatsächlich stellenweise witzig, wirkt aber an manchen Stellen genauso deplatziert in Film, der ja mit einer eher ernsten Hauptstory unterwegs ist. Doch gegen Schmierlappen Basedow verkommen diese Bedenken zum Nebenschauplatz, denn er ist hier meine Persona non grata. Als Comic Relief im Film wirkt er in seiner überzogenen Glitschigkeit eher abstoßend als belustigend. Gruselig! Schon nach zehn Minuten habe ich mir gewünscht, dass der Ziegelstein, von dem gleich noch die Rede sein wird, ihn getroffenen hätte. Der Ertragbarkeits-Faktor des Films hätte es ihm gedankt. Auch hier drängt sich übrigens die Frage nach Plan oder Kosmetik auf… Warum ich mir diese Frage stelle, Teil 2 – Die Rollen und ihre Funktion: Wenn ich Saft-Tolle Basedow als Comic Relief im Film installiere, warum bekommen dann Kendall und Harris über die Synchronisation die ganzen Kalauer zugeschustert?

Warum ich mir den Film trotzdem ansehen sollte (zu mindestens die ersten 10 Minuten): Ja, es gibt sie, die eine Szene, die ihres gleichen sucht in der Filmhistorie! Ich erwähnte ja schon, dass in dem Film ein klein wenig mehr der rote Lebenssaft auftaucht, verglichen mit den Vorgängern der Reihe. Hier fällt eine Szene auf, die sich wohl als brutaler Brustlöser positiv auf die nachfolgende Rezeption der Zuschauer  auswirken sollte. Nun ja, als Brustlöser funktioniert sie auch, allerdings in Punkto Lachanfall. Und hier kommt unser bereits angesprochener Ziegelstein ins Spiel. Jener wird nämlich gemeinerweise von einem Häuserdach geworfen und macht alsbald Bekanntschaft mit dem Kopf eines in einer Limousine sitzenden Polizeibeamten. Das alles passiert übrigens im Off, während wir Fett-Haar Basedow bewundern dürfen. Der Knaller ist jedoch der Shot, die uns die Auswirkung der Frevel-Tat zeigt: Wir sehen einen Ziegelstein, der quer im Kopf des Dahingeschiedenen steckt. Nein, nein, nicht längst, quer!! Ja, der Stein hat sich in den Kopf gebohrt!!! Das kommt wohl davon, wenn man eine zu weiche Birne hat... Egal, die Szene ist in seiner Blödheit genial, und diese Szene ist auch der einzige Grund, warum die Kassette dieses am unteren Ende der Durchschnittlichkeit dümpelnden Films bei mir zu Hause stehen bleiben darf. Okay, die Szene und das 70’s-Flair, welches hie und da mal aufblitzt.


Sonntag, Oktober 02, 2005

Mirinda Red - And you're Dead!

La Citta` Sconvolta: Caccia Spietata al Rapitori
(Kidnap Syndicate / Auge um Auge)
ITA 1975 95 Min
von Fernando di Leo
mit Luc Merenda, James Mason, Irina Maleeva, Vittorio Caprioli
DVD (Raro)

Der Sohn des Mechanikers Colella wird zusammen mit dem Spross des Geschäftsmannes Filippini entführt. Da dieser jedoch mit den Kidnappern um die Höhe des Lösegeldes feilscht,  beschliessen diese, ihm klar zu machen, dass sie seine Verhandlungstaktik sehr missbilligen. Sie bringen den Jungen von Colella um, aus dem sowieso kein Geld herauspressbar gewesen wäre. Doch Colella fügt sich nicht in stille Trauer.
„La Citta` Sconvola…“ zerfällt hübsch in zwei Teile. Der erste beschreibt das Kidnapping und dessen Ausgang und kommt ruhig und gediegen daher. Fernando di Leo ist ja bekannt dafür, dass er, trotz der Kommerzialität seiner Filme, immer eine kleine gesellschaftskritische Note in seine Werke mit einbaute. Die Vorlage von Galliano Juso (der erste Film di Leos nach einer Fremdidee) dramatisiert die zu der Zeit in Italien gehäuft auftretenden Entführungen, in das Drehbuch baute di Leo dann noch weitere für damalige Italostreifen nicht untypische sozialkritische Momente ein: Den Armen sind immer die (ersten) Opfer! Den Reichen geht Geld über alles, auch über ihr eigen Fleisch und Blut! Da wir es bei vorliegendem Film aber immer noch mit einem Actionfilm zu tun haben, bleibt es bei diesen äußeren Feststellungen. Nach der emotionalsten und damit stärksten Szene des Filmes, der Identifizierung des toten Sohnes durch Colella, ist der Worte genug gewechselt: Herr Merenda zerfliesst mitnichten in Selbstmitleid. Er will Blut sehen. Jetzt!
Damit einher geht natürlich auch, wie typisch im Subgenre der Rachestreifen, dass es mit der Nachvollziehbarkeit der psychologischen Motivation des Hauptprotagonisten nun vorbei ist. So aufregend und unterhaltsam das folgende auch ist, logisch ist es auf jeden Fall nicht. Wer damit leben kann (ich kann es), bekommt nun 45 Minuten lang den Mund nicht mehr zu, den Colella geht auf und davon. Der Mann ist eine tickende Zeitbombe, und schon bald wünscht sich jeder Involvierte der Entführung, er hätte sein Leben sinnvoller geplant. Da hilft auch keine späte Reue mehr, wenn Merendas Gesichtsknochen vor Wut ins Rotieren kommen, dann rappelts im Karton. Rache ist Blutwurst – und beim Metzger gabs heute ein Sonderangebot.
„Auge um Auge“ (die Titelschmiede geht mal wieder leicht am eigentlichen Thema vorbei, ja mei!) zeigt di Leo in Bestform. Die Action ist bestens in Szene gesetzt, die Darsteller (Merenda als Trauender und Derwisch, Mason als knorriger, kalter und kalkulierender Geschäftsmann und Caprioli als Commissario mit den sprechenden Händen) sind erste Sahne und die Musik von Luis Enrique Bavalov (die auch das „Vorspiel-Thema“ aus „Milano Caliber 9“ zitiert) bringt uns die tragischen und tempolastigen Momente des Filmes noch näher. Liebe Italo-Filmgucker-Gemeinde: Dieser Film ist das Eintrittsgeld wert!

Samstag, Oktober 01, 2005

Sarsky & Clutch

Uomini si nasce, Poliziotti si muore
(Live like a Cop, Die like a Man / Eiskalte Typen auf heissen Öfen)
ITA 1976 91 Min
von Ruggero Deodato
mit Marc Porel, Ray Lovelock, Adolfo Celi, Renato Salvatori
DVD (Raro)

Alfredo und Antonio sind zwei Bullen einer Spezialeinheit der Polizei, die zwar erfolgreich sind, leider aber nur wenig mit der Dienstvorschrift am Hut haben. Nach einem tödlichen Anschlag auf einen ihrer Kollegen nehmen sie sich den Mafiaboss Roberto Pasquini, genannt „Bibi“, vor. Doch an den ist mit legalen Mitteln nicht so leicht heranzukommen. Bloss gut, dass die zwei damit noch nie Probleme hatten.
Was uns die Herren Ruggero Deodato (Regie) und Fernando di Leo (Idee und Drehbuchautor) hier vorsetzen, ist schon reichlich harter Tobak. Diese beiden Bullen noch als Gesetzeshüter zu bezeichnen, wäre die Übertreibung des Jahres. Ja, Alfredo und Antonio sind DIE spezielle Art von Polizisten, bei denen auch Dirty Harry und Commissario Ferro für eine Dienstaufsichtsbeschwerde plädieren würden. Okay, wir schreiben die 70er, und damals gehörte es zum guten Ton, dass man als „Cop“ schon mal die Gesetze etwas „dehnen“ musste, um mit dem ganzen neumodischen Abschaum an Psychopathen fertig zu werden. Doch von „dehnen“ kann hier keine Redemehr sein, nein, bei unseren zwei Herren hier haben sich sämtliche Gesetze schon lange nen Muskelfaserriss geholt. Und so drängt sich dem Betrachter die Frage auf: Wie kommt man auf so eine Geschichte?
Ich habe da zwei Theorien. Erstens: Di Leo hat sich mit lustigen Mittelchen selbst eingetütet und dann seinen Alpträumen freien Lauf gelassen. Zweite Möglichkeit: Das ganze ist tatsächlich eine Parodie. Da ich di Leo sehr schätze, widme ich mich einfach mal dem zweiten Punkt, und tatsächlich funktioniert das ganze so ziemlich gut. Alleine die beiden Hauptfiguren sind alles andere als Sympathieträger und werden als dümmliche Proleten mit einem ständig zuckenden Ersatzpenis aus Eisen gezeigt. Außer Ficken, Ballern und über Ficken und Ballern zu reden haben unsere zwei Buletten nicht zu bieten. So lacht man bei ihrer aufgesetzt kühlen Art und ihren pubertären Späßen nicht mit ihnen, sondern über sie. Di Leo muss sich diebisch amüsiert haben beim Schreiben, und setzt zum Schluss zum ganz großen Finale an: Denn nicht die beiden bringen den Mafiaboss um die Ecke, sondern lassen sich wie Anfänger in eine Falle jagen, was ihnen auch egal ist, da sie eh schon wieder schwanzdenkend an irgendeiner blonden Biene herumfingern, die man als dummen Köder auf sie angesetzt hat. Dass besagte Falle nicht zuschnappt, dafür sorgt der Chef der Spezialeinheit höchstpersönlich, obwohl der sich bisher im Film nur hinter einem Schreibtisch befunden hatte. Jedenfalls darf er „Bibi“ auf den Blocksberg schicken, und diesen Antihöhepunkt finde ich, aus charakteristischer Sicht wie auch aus persönlicher Überzeugung, recht gelungen. Keine Macht den Doofen – erst recht nicht, wenn sie ne Knarre haben, die auf Dauerfeuer gestellt ist!
So ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Film keine Charakterentwicklungen gibt und auch bei keiner der Hauptfiguren ein Wort über die jeweilige Vorgeschichte verloren wird. Wer immer noch den Intellekt einer Amöbe hat, kann sich seit seiner Pubertät nicht großartig weiterentwickelt haben.
Für eine Parodie sprechen zudem einige vollkommen übertriebene Szenen, beispielsweise die rollige Mätresse des Ganoven, die in ihrer Wohnung die beiden Dumpfbacken zum Spontan-Koitus überredet. Auch die Schiessübungen der Zwei im Dosenparcour mitten in der Heide sind einfach nur hübsch lächerlich. Also doch eine Parodie für den denkenden Bildungsbürger, für alle anderen ein „toughes Cop-Movie“ mit sympathischen Draufgängern und willigen Bräuten.

Abseits der inhaltlichen Ebene hat Deodato die Sache fest im Griff. Dass der Gute einst bei Rosselini in die Lehre gegangen ist, zeigt sich hier an seinem direkten Inszenierungsstil. Viele Handkamerashots und – als Hohepunkt – eine schwarzgedrehte und dadurch faszinierende Motorradverfolgungsjagd quer durch die Innenstadt Mailands (oder war es doch Rom?). Die Darsteller erledigen solide ihren Job – und auch der Gesang von Ray Lovelock fällt nicht negativ ins Gewicht.
„Uomini…“ ist ein merkwürdiger Film, der als Parodie ungemein zieht, da Deodato das Tempo hochhält und keine Langweile aufkommen lässt. Der deutsche Titel wirkt wieder einmal reichlich dümmlich, trifft es damit aber eigentlich schon wieder ganz gut. Jedenfalls steckt in den „heissen Öfen“ des Filmes mehr Leben und Gefühle (jau!) als in deren eiskalten Besitzern.

Dienstag, September 27, 2005

Haste Schwert, kannste wandern...

…bist du gelb wirst! – Cinevals Filmrolle, die 1.

Da ich merke, dass ich zeitlich unmöglich zu jeden von mir gesehen Film einen längeren Text schreiben kann (und manchmal auch nicht will, ha!) gibt’s von nun an in regelmäßig unregelmäßigen Abständen einen kleinen Film-Schnelldurchlauf in diesem meinem schönen Blog.

Die Todespagode des gelben Tigers
(Bao Biao / Have Sword, will travel)
HK 1969 101 Min
von Chang Cheh
mit David Chiang, Ti Lung, Chan Chueng, Cheng Lei
DVD (MIB)

Schwertkämpfer Siang und seine verlobte Piao Piao sollen den Transport von kaiserlichen Silbertalern sichern, der aber ein einem berühmt-berüchtigten Turm vorbeikommt, der von Banditen belagert wird. Unterwegs treffen sie auf Yi Lo, der den beiden seine Hilfe anbietet. Piao Piao findet den Kleinen ganz purzelig, und schon herrscht Stunk in der Bambushütte.

Chang Chehs früher Schwertkampffilm stellt den Betrachter auf eine harte Probe, denn die ersten gut 70 Minuten werden von den Irrungen und Wirrungen des Herzensreigens zwischen den drei Hauptpersonenen getragen. Das ist filmhistorisch durchaus interessant, gibt das ganze doch einen guten Einblick in den kulturellen Background und auf den Zeitgeist, in dem diese Filme damals entstanden. Wer genug Bereitschaft mitnimmt, das getragene Tempo des Filmes anzunehmen und auch über die teilweise recht heftigen melodramatischen Szenen hinwegzusehen, der bekommt in der letzten halben Stunde Action pur angeboten. Erstklassig choreographiert, inszeniert und ausgeführt, stellt auch dieser Film Chang Chehs („Das Schwert des gelben Tigers“) klar, dass in Sachen Ästhetik, Körperbeherrschung, Inszenierung und auch Brutalität die Shaw-Brothers damals weltweit die Nase vorn hatten. Dazu gehört natürlich auch der minutenlange, heftige und scheibchenweise Heldentod, damit der Liebesreigen wieder ins moralisch Reine kommt.

Die Nacht der rollenden Köpfe
(Passi di danza su una lama di rasoio / Death carries a Cane)
SPA/ITA 1972 88 Min
von Maurizio Pradeaux
mit Susan Scott, Robert Hoffman, Simon Andreu, George Martin
DVD (X-NK)

Die gute Kelly beobachtet durch ein Teleskop einen Mord. Durch eine Indiskretion der Polizei kommt die Sache in die Presse, was den Mörder folglich auf den Plan bringt. Da man bald Kellys Verlobten der Tat verdächtigt, machen sich beide zusammen auf die Suche nach dem mysteriösen Finsterling, der sich in der Zwischenzeit weiter durch die Besetzungsliste arbeitet.
Och ja, eingefleischte Gialli-Liebhaber werden an dem Filmchen ihren Gefallen finden. Aber auch nur sie, denn diese italienisch-spanische Co-Produktion stellt im Genre gerade mal Mittelmaß da. Den Hauptanteil daran trägt die reichlich lustlose und statische Inszenierung durch Maurizio Pradeux, dem nur selten spannende und atmosphärisch dichte Sequenzen gelingen. Die Szene mit dem vorzeitigen Ableben der Haushälterin im flackernden Kerzenlicht und das Finale stehen auf der Habenseite, unzählige unnötige Fickelszenen, lahme Dialoge und eintönige Mordsequenzen dagegen. Auch die Musik von Roberto Pregadio reißt in den Film mit ihrer Trötigkeit nach unten. Generell fällt dem Film sein augenscheinlich doch eher geringes Budget auf die Füße. Ohne das typische 70er-Jahre-Flair wäre der Film ein Fall für die Zelluloid-Guillotine, damit wenigstens ansatzweise hier irgendwas rollen würde. Sämtliche Darstellerköpfe bleiben natürlich auf ihren Schultern, aber derartig reißerische, aber filmfremde deutsche Synchrontitel waren damals durchaus nicht selten. Jedenfalls hätte „Die Nacht der aufgeschnippelten Kehlen weitaus besser gepasst.

Il Profumo della Signora in Nero
(The Perfume of the Lady in Black)
ITA 1974 100 Min
von Francesco Barilli
mit Mimsy Farmer, Mario Scaccia, Maurizio Bonuglia, Donna Jordan
DVD (Raro)

Silvia Hackermann, in einem chemischen Labor arbeitend, bekommt zusehends Probleme mit ihrer Wahrnehmung der Realität. Immer öfter befindet sie sich in Situationen und begegnet Personen, die sie an ihre Kindheit erinnern (oder aus selbiger kommen?). Dort wurde die kleine Silvia Zeugin eines tragischen Unfalls, deren Erinnerung daran wieder in ihr Bewusstsein zurückkehrt. Driftet sie wirklich zusehends in den Wahnsinn ab, oder spielt jemand ein fieses Spiel mit ihr?
Sicherlich, die Story klingt altbekannt und Genrefans werden den Schlusstwist im Wissen von ähnlich gelagerten Werken („Rosemarys Baby“ etc.) beizeiten vorausahnen können. Thematisch in der gleichen Kategorie wie Aldo Lados „Malastrana“ spielend, stellt auch „Profumo“ eher einen okkulten Horrorfilm mit Giallo-Einflüssen, als einen echten Beitrag zum italienischen Thriller dar. Wie man ihn auch immer einordnen möchte, feststeht dass der Film jede DVD-Sammlung aufwertet. Für einen Debütanten hat Francesco Barilli, hauptberuflich Drehbuchautor (zum Beispiel von „Chi l’ha vista moriere?“ von Aldo Lado, einem der besten Giallos überhaupt) stilistisch und inszenatorisch eine erstaunlich sichere Hand. Die Reminiszenzen an Argento, Bava und auch Lado sind augenscheinlich, trotzdem versteht es Barilli durch seinen klugen Bildaufbau mit einer Reihe von ausgesucht schönen Einstellungen und den gut placierten Kamerafahrten dem Film eine feine, unterschwellige Spannung und eine Atrmosphäre der stetigen Bedrohung, des Unheimlichen zu schaffen. Zu Hilfe kommt ihm dabei die Hauptaktrice Mimsy Farmer, die ihre selbstbewusste und zugleich unsichere Figur, die nach und nach mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird und darüber den Boden verliert, überzeugend auf die Leinwand bringt. Ein weiterer Pluspunkt ist die elegisch schöne Musik von Nicola Piovani, deren Kauf wiederum jedes CD-Regal aufwerten würde. Dass Barilli hier ordentliche Production Values zur Verfügung standen, zeigt sich zudem an der sauberen und präzisen Kameraarbeit von Mario Masini. All dies kommt auf der vorliegenden DVD bestens zur Geltung, so dass ich den Film allen Interessenten des Spaghetti-Kinos nur wärmstens ans Herz legen kann. Das die äußere Logik des Filmes nicht vorhanden ist, sollte kein Hinderungsgrund sein, dann damit ist es ja meistens vorbei, wenn sich ein Horrorfilm auf okkulten Pfaden befindet. Was bleibt ist: Diese Barilla-Nudel ist sehr "al dente" - im wahrsten Sinne des Wortes!

Dienstag, Juli 26, 2005

Deep, deep Down...

Danger: Diabolik
(Diabolik)
ITA/FRA 1967 100 Min
von Mario Bava
mit John Phillip Law, Marisa Mell, Michel Piccoli, Adolfo Celi
DVD (Paramount)

Diabolik ist schlichtweg das Reizwort für die Polizei und ihren höheren Befehlsgebern. Da Inspektor Ginko den gewieften Klaufuchs nicht erwischen kann, rückt er dem Drogenboss Valmont auf die Pelle. Er soll Diabolik fangen, damit die Polizei ihre Razzien in seinen Absatz-Etablissements wieder etwas lockerer handhabt.

Ach ja, es ist so eine Sache mit Comicverfilmungen. Viele hat es bisher gegeben. Doch wirklich gelungen sind leider nur die wenigsten. Das Hauptproblem: Wie kann ich die Funktionsweise der Comics (ihr wisst schon: Panels, Sprechblasen) in einen Film übertragen? Viele haben sich daran die Zähne ausgebissen. Aktuelle Nieten wie die „Fantastischen Vier“ oder „Batman IV“ beweisen, dass es scheinbar nicht viele Filmregisseure gibt (und gegeben hat), die halberwegs kapiert haben, was genau einen Comic funktionieren lässt bzw. wie man einen Comic artgerecht auf die Leinwand überträgt.
Gehen wir einmal zurück in die 60er Jahre. Richtig, da war ja Batman schwer in Mode. Doch sieht man sich dieser Tage die Serie sowie den Film an, dann stellt man fest: das Ganze ist zugegebener Maßen netter Trash, aber mit einem Comic hat das nicht viel zu tun. Da muss schon mehr kommen, als ein paar „Sliff!“ oder „Zoooom“ Sprechblasen, wann immer die olle Fledermaus und sein schwules Mündel die Griffel durch die Luft fliegen lassen. Also kann man wohl auch die 60er abhaken. Wer so denkt, der sollte sich lieber erst einmal „Danger: Diabolik“ in den Player schmeissen!
In einer Hinsicht ist dieser Film ungewöhnlich für Mario Bava, bis heute einer der visuell begabtesten Regisseure der Filmgeschichte. Es ist seine einzige Großproduktion, hier für Dino de Laurentiis. Dadurch konnte er diesmal auf eine erlesene Besetzung zurückgreifen: John Phillip Law, Marisa Mell, Michel Piccoli, Adolfo Celi und Terry-Thomas waren damals alles andere als Unbekannte in ihrem Business. Ansonsten ist alles so wie immer beim guten Mario: Das großzügig bemessene Budget von gut 3 Millionen Dollar ließ ihn nicht von seiner Art einen Film zu inszenieren abbringen. So kostete „Diabolik“ am Ende nur gut ¼ des veranschlagten Etats. Anzusehen ist das dem Film nicht, ganz im Gegenteil. Denn Bava war eben nicht nur ein sehr guter Regisseur und Kameramann, sondern auch ein begnadeter Visuell- and Special Effects-Bastler. In Diabolik zeiht er alle Register seinen Könnens: Matte Paintings, Glass-Paintings, Miniaturaufnahmen, Doppelbelichtungen – alles fügt sich harmonisch in den Film ein und sieht, gemessen an den damaligen Standards, richtig schnieke aus (Als Beispiel seien nur die Szenen in Diaboliks unterirdischer Behausung genannt).
Doch kommen wir zurück zu unserem Ausgangspunkt. Ja, Bava hat tatsächlich ziemlich gut verstanden, was Comics funktionieren lässt. Comics versuchen, durch die Panels hinweg eine Illusion großer Tiefe, großer Bewegung zu erzeugen. Genau dort scheitern viele Comicadaptionen (aus den 60ern nahezu alle!). Es wird zwar viel wert auf Ausstattung, Kostüme und Special Effects gelegt. Aber durch die viel zu statische Kamera entsteht keine Bewegung im Film. Alles wirkt langsam und statisch. Genau in die Falle tappt Bava nicht. Er nutzt Zooms und Kamerabewegungen, die in Verbindung mit der natürlichen Bewegung der abgefilmten Objekte dem Film ein für damalige Zeiten, gerade in den Actionszenen, atemberaubendes Tempo geben. Zudem überträgt Bava zwar nicht den visuellen Stil der Comics, aber die Eigenart der „Panels“, also der vielen Einzelbilder pro Seite, auf den Film. Sei es dass man die Personen nur in Autospiegeln im Bild sieht, sei es, dass ein leeres Bücherregal zwischen die Akteure und die Kamera platziert hat – Bava versucht immer wieder, sein Filmbild panelartig zu gestalten.
Dass er in vielen Bildfolgen und Einstellungen den gezeichneten Originalen folgt, passt da ebenfalls ins gute Gesamtbild. Die Sequenz, in der er sich als Turmkletterer bei einem seiner Diebeszüge versucht, kann in puncto mise-en-scene 1:1 in einen Comic übertragen werden.
Abseits von Bavas technischem und inszenatorischem Geschick ist auch eine inhaltliche Betrachtung sehr interessant. Diabolik stammt von einem in den 60er Jahren sehr bekannten „Fumetti“ (Comicstrip, eigentlich wörtlich übersetzt „puff of smoke“, angelehnt an die Comic-typischen Sprechblasen) von Angela and Luciana Giussani und weist gegenüber seinen amerikanischen Pendants einen großen Unterschied auf. Anders als Batman, Superman und Co. ist er weder ein edler Retter und Kämpfer für die Armen und Unterdrückten noch ein traumatisierter und schüchterner Typ. Er ist mehr ein halber Robin Hood. Er klaut das Geld zwar von den „Reichen“, behält es aber für sich und seine Flamme. Diabolik ist zwar smart und trickreich, bleibt aber doch immer ein Krimineller mit Ansätzen zum Terroristen. John Philipp Law liefert dabei eine beachtliche Performance ab. Da sein Dress nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen freilässt, bleiben ihm zum schauspielen nicht viel mehr als die Augen und sein Körper, eine Limitierung, der er mit vollem Einsatz und Augenrollen gegensteuert. Auch die restliche Besetzung liefert souveräne Leistungen ab. „Danger: Diabolik“ atmet dabei ganz tief den Hauch der späten 60er, was Farben, Formen und Lebensgefühl angeht. Auch dafür liebe ich den Streifen.
Bavas Film ist eigentlich ein Muss für Comic-Liebhaber, für Bava-Fans sowieso und für all diejenigen, die den guten Mario immer noch als reinen Horrorregisseur abstufen. Diabolik ist für mich das Non-plus-Ultra im Comicfilmbereich der 60er! Allein schon die Filmmusik von Ennio Morricone, der hier wohl einen der deftigsten Easy Listening-Pop-Soundtracks aller zeiten hinlegt: Nach nicht mal 5 Sekunden seines Actionthemas schmeisst man sämtliche Neal Hefti-Platten freiwillig aus dem Fenster!

Freitag, Juli 15, 2005

Läutert sie bebend!

Häutet sie lebend
(Scorticateli vivi)
Italien 1978 85 Min
von Mario Siciliano
mit Bryan Rostron, Guiseppe Castellano, Pier Luigi Giorgio, Karin Well
DVD (Best)

Ein mickriger Kleingangster namens Rudy bekommt Probleme mit der heimischen Mafia und büchst nach Afrika aus, um sich einer Söldnertruppe anzuschliessen, die sein Bruder leitet. Dieser wird aber gefangen genommen und so versuchen seine Mitstreiter den ganzen Film über ihn aus seinem Gefängnis zu befreien. Rudy macht natürlich mit, auch weil er inzwischen erfahren hat, dass sein Familiengenosse ein paar Edelklunker hinter seinem Patronengurt versteckt hält.
Tja, Mario Siciliano zeigt uns die ekligsten Seiten der Menschheit. Tatsächlich besteht „Scorticateli vivi“ ausschließlich aus niedrigen, unsympathischen, abgewrackten und miesen Typen, denen sämtliche Zivilisationsprinzipien über Bord gegangen sind. Die Söldner beklauen sich schon mal gegenseitig, prügeln sich bei jedem noch so beknackten Grund und alles was keinen Schwanz zwischen den Beinen hat, wird vergewaltigt. Treten dann doch mal ein paar halbwegs normale Darsteller vor die Kamera, darf sich der Betrachter gewiss sein, dass sie es nicht lebend aus der Sequenz schaffen werden. Also eine vergessene Perle des Söldnerfilms, der die Machenschaften solcher gekaufter Mörder anklagt? Nee, nee - Häutet sie lebend (dem Titel wird der Film nur auf verbaler Ebene gerecht) versucht auf der exploitativen Trashklaviatur zu spielen – und trifft so gut wie keinen Ton richtig. Da haben wir ne uninspirierte und lustlose Regie, schlechte Schauspieler, die leider nicht für unfreiwillige Lacher gut sind und eine Story, die zwar hübsch dämlich ist, aber leider überhaupt kein Tempo besitzt. So bleibt nur Stelvio Cipriani schnuddelige Musik, die er offensichtlich auf dem Synthesizer seines Sohnes (wenn er einen hat) eingespielt hat. Ansonsten fallen noch die in dem Subgenre üblichen rassistischen Untertöne auf, die wieder einmal durch die prollige Synchro noch verstärkt werden. Erkennbar war das Budget für den Film sehr, sehr niedrig angesetzt. Da kommt es dann schon mal vor, dass das Hauptquartier, in dem der Söldnerchef gefangen gehalten wird, von mickrigen 4(!) Leuten bewacht wird. Besonders schon ist auch die Szene, in dem ein Jeep wohl möglichst nahe an eine Wegsperre vor einem Eingangstor heranfahren sollte, dieses dem Darsteller aber königlich misslingt und er voll in die Absperrung hineinrauscht. Siciliano fands klasse und hat die Szene dringelassen und sorgt so für einen der wenigen Lacher auf Seiten des Zuschauers.

Donnerstag, März 03, 2005

Lenzis Schlafrock

Entschuldigen Sie, sind Sie normal?
a.k.a. Flotte Teens und der Staatsanwalt
a.k.a. Das heiße Girl und der Staatsanwalt
(Scusi, lei e normale?)
Italien 1979 87 min
von Umberto Lenzi
mit Ray Lovelock, Anna Maria Rizzoli, Renzo Montagnani, Enzo Cerusico
Video (Holiday Movies)

Was für eine doofe Frage! Natürlich nicht, denn ansonsten hätte ich auf das Vergnügen, der Vorführung dieses Filmes beizuwohnen gerne verzichtet. Aber irgendeine Macke hat ja jeder. Also bitteschön:
Das oben erwähnte „heiße Girl“; wahlweise auch „der heiße Teen“ (don`t look at me so komisch, ich kann auch rein gar-nothing für diese Titel) ist die Tochter eines politischen Abgeordneten, der sich gegen den Sittenverfall im Allgemeinen und die Pornographie im Besonderen einsetzt. Zu dumm nur das die Tochter als „Nina Pompon“ heimlich für Sexmagazine posiert. Väterchen findet in seinem Kampf Unterstützung durch den Generalstaatsanwalt von Spoleto mit Namen Sparvieri, doch auch dieser hat ein schwarzes Schaf in seiner Verwandtschaft. Sein Neffe Nino ist schwul (oder er versucht zumindest so zu tun). Beide moralisch Gefährdeten lernen sich bei einem Marathon -Tanzwettbewerb kennen, der nicht nur eine Belastung für die Beine darstellt. Auch die Ohren erwischt es voll, denn Lenzis Stammkomponist Franco Micalizzi bittet zum „Disco-Boogie-Woogie“!!! Und das klingt genau so wie der Name es erwarten lässt. Anders gesagt, das ganze auf CD in der Endlos-Schleife und meine Nachbarn kündigen mir die Freundschaft.
Vollkommen abnorm findet es auch Nina, dass ihre neue Bekanntschaft so gar nichts von ihr wissen will – selbst mit Alkohol will sich der erhoffte Beischlaf mit Nino nicht einstellen. Aber sie gibt nicht auf, und das sehr zum Ärger von Ninos Freund(in) Nicole, einem Transvestiten, der sich auch nicht so einfach von seiner Beziehung lösen will. Ich habe jetzt mal mit viel Phantasie das Wort „ Beziehung“ verwendet. Denn im Film kriegt man davon nicht sehr viel mit – und wenn dann höchstens in dezent verbaler Form. Den einzigen körperlichen Kontakt zwischen Nino und Nicole im ganzen Film markiert ein gezielter Faustschlag voll auf die 12. (Sie schlugen aber küssten sich nicht!) Auch ansonsten ist es wie in allen Mainstream- Filmen dieser Zeit. Homosexuelle sind alle Transvestiten oder aber auf dem Sprung dorthin. In jeden Fall sind sie asexuell. (Na gut: ein händehaltendes Pärchen glaube ich kurz im Hintergrund gesehen zu haben.) So ist das Ende dann natürlich auch vorgezeichnet: Nino wird zum Hetero und Nicole und der Staatsanwalt dürfen sich am Schlussgag von „Manche mögens heiss“ versuchen. Auch auf dem Erotiksektor gibt’s keine Überraschungen. Während sich diverse Damen barbusig bis schamhaarig geben, behalten die Kerle ihre Kleider an.
Leider ist der Film auch als Komödie ein ziemlicher Bauchklatscher. Das Drehbuch ist stellenweise so unglaublich dusselig, das man die Beweggründe des Handels der einzelnen Personen teilweise nicht nachvollziehen kann. Also das Herbeiführen von komischen Situationen auf Teufel komm’ raus – was ja mitunter auch funktionieren kann. Hier jedoch nicht. Daran hat dieses Mal die deutsche Bearbeitung durch die Firma „Schier“ ihren Anteil. Denn was hier verbal zum Besten gegeben wird, spült man sonst gemeinhin mit Domestos aus. Schier zum Davonlaufen halt. Wer sich wirklich diesen Film ansehen möchte, dem empfehle ich, zwecks Vorbeugung von Langweile eine Strichliste der am meisten gebrauchten Synonyme für Homos zu führen. Ich kam zu spät auf diesen wunderbaren Gedanken, glaube aber dass Tunte, Hinterlader und Schwuchtel ganz vorne dabei wären. Ansonsten gibt’s allerlei hohle Sprüche a la „Mann hat die einen Popo, da kriegt man ja einen zu viel!“ und natürlich noch meinen persönlichen Favoriten in dem Reigen: ein netter Carabinieri meint über Nicole: „Der ist ja so schwul, das er mit der flachen Hand die Hose bügeln kann!“. In jedem Fall bleibt die Erkenntnis, dass auch eine traditionelle Klamauk-Synchro aus deutschen Landen nicht lustig ist, wenn die Macher ihren Humor in der Kniescheibe haben.