Dienstag, August 30, 2011

Ablegen unter: Wichtig!

Nacht und Nebel
(Nuit et brouillard)
F 1955 30 Min
von Alain Resnais
Bundeszentrale für politische Bildung (DVD)

1955 – Der Filmregisseur Alain Resnais besucht die leerstehenden Ruinen ehemaliger Konzentrationslager der Nazis. Die Natur, man sieht es den Filmaufnahmen an, beginnt, sich auf den ehemaligen Arealen des Schreckens wieder bequem zu machen. Beginnt, das Grauen, was die stummen Bauten der Massenvernichtung in eine bedrückende Aura tauchen, langsam zu überdecken. Doch Resnais kommt, um einen Dokumentarfilm gegen das Vergessen zu drehen. Sein Film bringt zum ersten Mal die beklemmenden, drastischen und eigentlich unfassbaren Archivbilder an die breite Öffentlichkeit. Auf der Berlinale 1956 verursacht er einen Skandal, in einem Land, dass im beginnenden Wirtschaftwunder auch gerne Gras über die Dinge der jüngeren Vergangenheit wachsen lassen würde. Den Kommentar zu Resnais Werk schreibt der Schriftsteller Jean Cayrol, die deutsche Bearbeitung wird von Paul Celan übernommen, beide Überlende des Holocaust. Es entsteht ein Essay, der nicht zu erklären versucht, was nicht zu erklären ist. Die Menschenverachtende, das den Bildern inne wohnt, spricht für sich – und macht gleichzeitig sprachlos. Das System Konzentrationslager wird im Film von seiner Planung bis zum Ende wortgewandt skizziert. Mal prasseln Wortsalven auf den Betrachter ein, mal werden die Sätze wirkungsvoll zerdehnt. Die Musik Hanns Eislers gibt sich dramatisch, elegisch, manchmal gar fröhlich, um den Kontrast zum Gezeigten noch zu verstärken. So sind 30 Minuten Film entstanden – 30 Minuten Film gegen das Vergessen – 30 Minuten Film, die das Unfassbare, die für den menschlichen Geist fast irrational anmutende Hölle auf Erden, eindrucksvoll auf Zelluloid bannen – und auch 30 Minuten Film, der damals die richtigen Fragen stellte, wie auch heute noch stellt. So ganz nebenbei stellt Nacht und Nebel in seiner Klarheit und „nüchternen“ Direktheit jede Infotainment-Sauce aktuelleren Datums zum Thema mühelos in den Schatten. Seine Qualität in Wort, Bild und Montage geben Raum zur Auseinandersetzung gerade auch in der Schule. Wohl auch aus diesem Grund erfährt der Film dankenswerterweise seine deutsche DVD-Premiere als Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung.

Sonntag, August 28, 2011

Affen zum Gaffen

Planet der Affen – Prevolution
(Rise of the Planet of the Apes)
USA 2011 105 Min
von Rupert Wyatt
mit Andy Serkis, Tom Felton, James Franco, Freida Pinto
20th Century Fox (Kino)

Da habe ich im Kino gesessen mit der sehr schmalen Erwartung, einem weiteren der in den letzten Jahren inflationär aus Hollywood kommenden, vergessenswerten bis maximal durchschnittlichen Unterhaltungsfilme beizuwohnen. Diese Tonnen an sinnlosen Remakes, Sequels, Prequels und anderer Langeweiler. Tja, und dann bekam ich fast nicht mehr meinen Mund zu – und das nicht etwa wegen einer Ladung Popcorn – nein, es war doch tatsächlich das, was dort auf der Leinwand vor mir dahin flimmerte.
Um es kurz zu machen, „Planet der Affen – Prevolution“ ist so ziemlich das Unterhaltsamste, was seit Jahren aus Hollywood abseits der Finchers und Nolans in die Kinos schwappt. Weil er all die Ingredienzien nicht hat, die mich zumeist stören:
1. Dem Film dient nicht ein simpel-langweilig-dämliches Drehbuchfragment als Dramaturgie-Kitt für endlos-breitgewalzte Actionsequenzen. Nein, die Story, die Charaktere und ihre Entwicklung haben den Vorrang.
2.Action kommt trotzdem vor, jedoch immer nachvollziehbar in die Handlung eingebettet. Zudem wird auf die bei mir berüchtigt-gehasste Wackelkamera verzichtet. Man erkennt einfach alles – nicht zu fassen. Scheinbar ist der Trend, zu diesem Stilmittel zu greifen, ja etwas rückläufig. Ich hoffe es zumindest. Jetzt muss nur noch jemand diesem Herrn Bay Bescheid sagen.
3.Es gibt keine doofen, weil pseudo-coolen, weil bemühten Einzeiler! Ich empfinde das als Segen. Denn ganz ehrlich, diese Sachen waren zu Zeiten von Lethal Weapon und Stirb langsam neu und originell. Seit Jahren ist es schon zum Dauer-Gimmick verkommen, an dem schon die Drehbuchautoren scheinbar kein Interesse mehr hatten, was sich im fertigen Produkt zumeist dann auch zeigt.
4.Das Drehbuch besitzt wieder Gespür für die richtigen Höhepunkte zur richtigen Zeit – und übertreibt diese auch nicht maßlos. Beispiel: Als Caesar dem fiesen Tierheim-Aufseher seine Auflehnung zu verstehen gibt und die Affenmeute zum Ausbruch aufstachelt, gibt uns das Drehbuch als dramaturgischen Höhepunkt sein erstes Wort – und nur dieses Eine! In vielen anderen Beispielen hollywoodesker Cashing-In-Ware hätte es wohl hier gleich noch einen Feldherren-Monolog zur Affen-Mobilisierung gesetzt. Hier gottseidank nicht…Auch in der Endszene wird nicht mehr geredet, als es für den Moment nötig erscheint.
Als Bonus gibt es noch eines der apokalyptischsten Enden in einem Hollywoodfilm. So dass ich mir fast wünschte, der Film würde für sich allein stehen und kein Prequel sein. Aber okay, wenn die Macher nicht an eine bereits existierende Geschichte andocken müssten, wäre so ein Ende mit den großen Geldgebern auch nicht machbar gewesen. Zu riskant, keine Frage. Gut gelöst ist es in jedem Falle, einen gewissen zeitlichen Zwischenraum zum Anfang des Originals zu lassen, den sich der Zuschauer locker zusammen reimen kann. Doch genau dieser Zwischenraum könnte, auch bei dem finanziellen Erfolg des Films, der sich ja abzeichnet, ein Handicap bereits in sich tragen: Er ist groß genug, um noch locker so 1 bis 3 weitere Prequels unterzubringen…We will see.
Egal, „Planet der Affen – Prevolution“ versetzt einen qualitativ in die guten Hollywood-Zeiten der 70er und 80er Jahre. Ich wünsche mir wieder mehr Filme dieser Güte.

Auf ein Neues

Nach über 5 Jahren nehme ich meine Blogaktivitäten wieder auf. mal schaun, wie lange meine Lust am Schreiben anhält.

Dienstag, März 14, 2006

The Stink Panther

Der Rosarote Panther
„The Pink Panther“
USA 2006 95 Min
von Shawn Levy
mit Steve Martin, Kevin Kline, Jean Reno, Beyonce Knowles
Kino (MGM)


Er kommt einfach nicht zur Ruhe, unser Paulchen Panther – und mit ihm die Herren Clouseau und Dreyfuss. Im Vorwort seiner Resteverwertung an unbenutzten Peter-Sellers-Aufnahmen („Der rosarote Panther wird gejagt“) meinte Regisseur und Filmfigurvater Blake Edwards ganz treffend: „For Peter – the One and Only Inspektor Clouseau“. Trotzdem versuchte auch Edwards nach dem Exitus seines begnadeten Hauptdarstellers noch etwas Geld aus der Panther-Idee rauszuholen: Die halbgaren bis äußerst schwachen Versuche nennen sich dann „Der Fluch…“ bzw. „Der Sohn des rosaroten Panthers“. Immerhin, eines tat er aus Respekt und auch Einsicht niemals: die Figur des Clouseau neu aufleben zu lassen. So dumm war der Komödien-Spezi Edwards nicht mal in seinen belanglosen Rentnerjahren.

Nun, Steve Martin, auch in den Rentnerjahren, IST so blöd. Anders kann man diese humorfreie Zone, die sich „Der rosarote Panther“ nennt, nicht erklären.

Sellers Figur war zwar trottelig, aber trotzdem liebenswert. Er war halt ein Pechvogel, der durch Zufall seine Fälle gelöst hat. Das war die humoristische Basis, auf der alle weiteren Gags aufbauten und wirken konnten. Steve Martin macht aus der Figur einen arroganten Angeber, der ungefähr so sympathisch ist wie ein Neonazi, der einem kleinen blinden behinderten Mädchen den Rollstuhl klaut und damit ihren Hund (der einzige Freund, den sie noch hat) plattfährt. (Er ist also ein waschechter Ami, der vorgibt, ein Franzose zu sein. Das ist NICHT witzig!) Kurzum: Wie bitte soll ich mit oder über eine Figur lachen, von der ich mir wünsche, sie würde nach 10 Minuten von der Leinwand verschwinden? Die Neuinterpretation der Figur des Inspektor Clouseau ist völlig misslungen, womit dem Film eben jene Grundlage fehlt, die die alten Filme hat funktionieren lassen. Das Gleiche trifft auch auf Kevin Kline als Dreyfuss zu, der aus seiner Rolle nichts machen kann, weil sie einfach nichts hergibt. Keine guten Gags, keine Entwicklung. In den alten Filmen war es strunzkomisch, wie Clouseau seinen Vorgesetzten Schritt für Schritt in den Wahnsinn trieb. Hier behilft man sich einer langweiligen „Ich-will-ne-Auszeichnung-und-Clouseau-brauch-ich-als-Bauernopfer“ Grundidee, aus der man kaum komisches Potenzial schöpft und das Ganze mit einem simplen „Wer-ist-der-beste-Detektiv“-Schluss a la Agatha Christie "krönt". Bei Jean Reno ist’s dann endgültig aus: Er soll wohl der "Kato“-Ersatz sein, darf aber außer einem Running-Gag, bei dem noch nicht mal der Mundwinkel für einen Sekundenbruchteil zuckt, nichts zum Film beitragen. Ich kann bloß hoffen, dass wenigstens die Gage hoch genug war.

Zudem reduziert das Gespann Martin/Blum den anarchischen, genreparodistischen Humor auf kreuzbraves Hollywoodniveau mit einigen „American-Pie“- Flatulenzanleihen, das ganze verwoben mit einer mächtigen Prise Franzosen-Bashing (Dieser Akzent, den die Sprechen! Is ja noch schlimmer als ihre Sprache! Und ein „H“ kriegen sie gar nicht auf die Reihe! Höhöhö!). Darüber lachen vielleicht noch ein paar Amis, die Frankreich nur von ihren Fritten her kennen, aber alle anderen? Eben: Fehlanzeige.

Den vorhersehbaren, halbgaren, simplen und meistens unwitzigen Gags passt sich die Regieleistung hervorragend an. Als Beispiel, die tolle „Ladykracher-like“ Sequenz vom Anfang: kleines Auto, große Parklücke: Schon der „Establishing-Shot“ dieser Szene verrät überdeutlich, was die nächsten Sekunden passiert. Okay, denkt man sich, der knallt vorn und hinten gegen die Autos, und man hofft, es würde dazu noch irgendetwas Überraschendes passieren, was die Kamera noch ausspart. Aber nein, Herr Martin verbeult die beiden Autos ein bischen, und das wars – Witze von Fips Asmussen (Ihr wisst schon, der mit der „Prostata-Tätowierten“!) sind Zwerchfell-Kitzler dagegen – und auch überraschender.

Was bleibt, sind Fragen:

1. War Steve Martin wirklich mal ein guter Komödiant?

2. Warum müssen die Amis selbst in einer Komödie durchscheinen lassen, dass ihre Kultur die allen überlegende ist? (siehe die oberpeinliche Hamburger-Szene in New York)

3. Warum müssen fast alle Beteiligten den ganzen Film einen total überzogenen französischen, wahlweise auch russischen Akzent sprechen?

4. Warum sind die verantwortlichen Synchronhupen so intelligenzbefreit und übernehmen das auch noch, nur schlechter (Stichwort: wegsehen <–> wichsen)?

5. Warum muss mir so etwas passieren?

Ich ging ins Kino, wenigstens mit der Hoffnung auf eine solide Komödie – aber das war einfach nur unterirdisch. Immerhin, die alten Filme mag ich nun umso mehr, auch was.

Sonntag, Oktober 16, 2005

Steter Tropfen nässt das Bett

Dark Water – Dunkle Wasser
(Dark Water)
USA 2005 105 Min
von Walter Salles
mit Jennifer Connelly, Ariel Gade, Pete Postlethwaite, Tim Roth
Kino (Buena Vista/Touchstone)

Dark Water
(Honogurai mizu no soko kara)
JAP 2002 98 Min
von Hideo Nakata
mit Hitomi Kuroki, Rio Kanno, Mirei Oguchi, Isao Yatsu
DVD (Widesight)


Walter Salles „Dark Water“ ist das erste Hollywood-Remake eines japanischen Horrorstreifens, das eine Daseinberechtigung hat. Im Gegensatz zu den beiden Ring-Filmen und „The Grudge“ wird hier nicht ein Erzählstoff simpel veramerikanisiert und massentauglich seichter gemacht, vielmehr wählt Salles für sein Remake den gleichen ruhigen, depressiven Ton des Originals. Alle Elemente finden sich auch bei Salles wieder, doch erreicht er durch eine andere Gewichtung dieser eine veränderte Sichtweise auf den Filmstoff.
Hideo Nakatas Originalfilm erzählt von einer jungen Mutter und dessen kleiner Tochter, die, mitten in einem Sorgerechtsstreit mit dem Vater des Kindes, in eine Wohnung umziehen. Dort gibt es Probleme mit sich vergrößernden Wasserflecken an der Decke und der Tatsache, dass auf dem Verschwinden eines Mädchens aus dem Apartment darüber ein dunkles Geheimnis liegt. Nakata folgt in seinem Film dem Erzählstil seines überaus erfolgreichen wie bekannten „Ring“. Er nimmt sich viel Zeit für das Aufbauen der Figurenkonstellationen und Situation, die die Frau in ihre neue Wohnung einziehen und dort ausharren lassen. Die gute klassische Horrortradition wird hier hochgehalten: Das Aufbauen einer Atmosphäre latenter Bedrohung, ausgelöst durch einen unfreundlichen Ort, unerquickliche und depressive Begleitumstände, nach und nach eingestreute erklärende Details für die Zuschauer und eine fahle und trostlose Farbgebung. All dies hat das Remake ebenfalls zu bieten, jedoch verschieben sich bald die Blickwinkel beider Filme. Salles teilt dem Zuschauer erst sehr spät mit, dass das Kind aus der Wohnung darüber verschwunden ist und nie gefunden wurde. Eine Information, die Nakata sehr viel früher in seinem Film gibt. Ein wichtiger Fakt, ist er doch der Auslöser des übersinnlichen Geister- und Gruselplots. Hier zeigt sich der Hauptunterschied beider Filme klar. Nakatas Film ist und will ein Horrorfilm sein, Salles’ Remake ein Drama. Durch die unterschiedliche Wissensgrundlage des Zuschauers werden auch die anfänglichen Geschehnisse im Appartment darüber anders wahrgenommen. Dienen diese Nakata zur Erzeugung von Angst und Grusel vor dem Unbekannt-Irrationalem, so werden sie bei Salles als weitere Belastung des Nervenskostüms und der verdrängten Kindheitserinnerungen der Hauptfigur gesehen. Dem unterschiedlichen Ansatz zur Folge steht beim Remake die Figur der Mutter mehr im Vordergrund. An ihrer Entwicklung, ihrer Zerbrechlichkeit, Labilität, aber auch Stärke, Liebe und Durchhaltevermögen in der derzeitigen Lebenssituation ist Salles hauptsächlich interessiert (schon seine vorherigen Filme „Central Station“ und „Die Reisen des jungen Che“ hatten die Wandlung und Reifung eines Charakters unter schwierigen Begleitumständen zum Thema). Er und sein Drehbuchautor Rafael Yglesias geben mehr Information zum biographischen Background (die Rückblenden auf die Kindheit) und schnüren ein komplexeres Netz von Personen um die Hauptfigur herum. Sowohl der Hauswart, der Ehemann und der Anwalt sind im Remake stärker präsent, die beiden jugendlichen Skater, die eventuell vom Ex-Mann angeheuert wurden, kommen im Original überhaupt nicht vor. Sie erhöhen die seelischen Belastungen der Hauptfigur und drängen die übersinnlichen Aspekte des Films zeitweise in den Hintergrund. Hier hat dann auch das Remake seine Achillesverse: Salles Film ist in großen Teilen so sehr ein „realistisches“ Drama, das der Subplot mit dem Geist des verstorbenen Mädchens schon fast nicht mehr passen will, fast wie ein Fremdkörper erscheint. Begünstigt wird dies auch dadurch, dass Salles aufgrund seiner Ausrichtung des Stoffes an ausgedehnten Spannungssequenzen, die das Erscheinen des Geistes des toten Mädchens betreffen, nicht interessiert ist. Die Szene im Toilettenraum der Schule sowie das Finale werden zwar gefällig inszeniert, jedoch wird das Schock- und Suspensepotential der Situationen nicht genutzt, die Szenen sehr kurz gehalten, wo das Original einen noch in die hinterste Ecke der Coach hat zurückweichen lassen. Das Salles’ jedoch der Spagat zwischen Drama und dem Geisterplot gelingt und sein Film über das Mittelmaß hinauskatapultiert liegt zum einen an seiner guten Regie, den hervorragenden Bildern von Affonso Beato sowie am guten Darstellerensemble, allen voran seiner Hauptdarstellerin Jennifer Connelly, die einfach grandios die innere Zerrissenheit und zunehmende Verzweiflung, Panik und Überanstrengung ihrer Figur auf die Leinwand bringt mit Unterstützung ihrer dunklen, geheimnisvollen Augen.

So kann der geneigte Zuschauer wählen: Möchte er ein sehr gutes Drama mit Geister-Subplot oder lieber einen kreuzunheimlichen Gruselfilm sich zu Gemüte führen. Ich für meinen Teil kann mit beiden leben und hoffe, das, wenn wir schon mit Remakes aus Hollywood bombardiert werden, sie sich zukünftig ein Beispiel an „Dark Water“ nehmen, indem sie die Grundstimmung und das Grundgerüst beibehalten, jedoch andere Aspekte der Story hervorheben, ohne in oberflächlichem Müll abzugleiten. Ich weiß, es wird leider nicht mehr als ein frommer Wunsch bleiben.

Sonntag, Oktober 02, 2005

Mirinda Red - And you're Dead!

La Citta` Sconvolta: Caccia Spietata al Rapitori
(Kidnap Syndicate / Auge um Auge)
ITA 1975 95 Min
von Fernando di Leo
mit Luc Merenda, James Mason, Irina Maleeva, Vittorio Caprioli
DVD (Raro)

Der Sohn des Mechanikers Colella wird zusammen mit dem Spross des Geschäftsmannes Filippini entführt. Da dieser jedoch mit den Kidnappern um die Höhe des Lösegeldes feilscht,  beschliessen diese, ihm klar zu machen, dass sie seine Verhandlungstaktik sehr missbilligen. Sie bringen den Jungen von Colella um, aus dem sowieso kein Geld herauspressbar gewesen wäre. Doch Colella fügt sich nicht in stille Trauer.
„La Citta` Sconvola…“ zerfällt hübsch in zwei Teile. Der erste beschreibt das Kidnapping und dessen Ausgang und kommt ruhig und gediegen daher. Fernando di Leo ist ja bekannt dafür, dass er, trotz der Kommerzialität seiner Filme, immer eine kleine gesellschaftskritische Note in seine Werke mit einbaute. Die Vorlage von Galliano Juso (der erste Film di Leos nach einer Fremdidee) dramatisiert die zu der Zeit in Italien gehäuft auftretenden Entführungen, in das Drehbuch baute di Leo dann noch weitere für damalige Italostreifen nicht untypische sozialkritische Momente ein: Den Armen sind immer die (ersten) Opfer! Den Reichen geht Geld über alles, auch über ihr eigen Fleisch und Blut! Da wir es bei vorliegendem Film aber immer noch mit einem Actionfilm zu tun haben, bleibt es bei diesen äußeren Feststellungen. Nach der emotionalsten und damit stärksten Szene des Filmes, der Identifizierung des toten Sohnes durch Colella, ist der Worte genug gewechselt: Herr Merenda zerfliesst mitnichten in Selbstmitleid. Er will Blut sehen. Jetzt!
Damit einher geht natürlich auch, wie typisch im Subgenre der Rachestreifen, dass es mit der Nachvollziehbarkeit der psychologischen Motivation des Hauptprotagonisten nun vorbei ist. So aufregend und unterhaltsam das folgende auch ist, logisch ist es auf jeden Fall nicht. Wer damit leben kann (ich kann es), bekommt nun 45 Minuten lang den Mund nicht mehr zu, den Colella geht auf und davon. Der Mann ist eine tickende Zeitbombe, und schon bald wünscht sich jeder Involvierte der Entführung, er hätte sein Leben sinnvoller geplant. Da hilft auch keine späte Reue mehr, wenn Merendas Gesichtsknochen vor Wut ins Rotieren kommen, dann rappelts im Karton. Rache ist Blutwurst – und beim Metzger gabs heute ein Sonderangebot.
„Auge um Auge“ (die Titelschmiede geht mal wieder leicht am eigentlichen Thema vorbei, ja mei!) zeigt di Leo in Bestform. Die Action ist bestens in Szene gesetzt, die Darsteller (Merenda als Trauender und Derwisch, Mason als knorriger, kalter und kalkulierender Geschäftsmann und Caprioli als Commissario mit den sprechenden Händen) sind erste Sahne und die Musik von Luis Enrique Bavalov (die auch das „Vorspiel-Thema“ aus „Milano Caliber 9“ zitiert) bringt uns die tragischen und tempolastigen Momente des Filmes noch näher. Liebe Italo-Filmgucker-Gemeinde: Dieser Film ist das Eintrittsgeld wert!

Samstag, Oktober 01, 2005

Sarsky & Clutch

Uomini si nasce, Poliziotti si muore
(Live like a Cop, Die like a Man / Eiskalte Typen auf heissen Öfen)
ITA 1976 91 Min
von Ruggero Deodato
mit Marc Porel, Ray Lovelock, Adolfo Celi, Renato Salvatori
DVD (Raro)

Alfredo und Antonio sind zwei Bullen einer Spezialeinheit der Polizei, die zwar erfolgreich sind, leider aber nur wenig mit der Dienstvorschrift am Hut haben. Nach einem tödlichen Anschlag auf einen ihrer Kollegen nehmen sie sich den Mafiaboss Roberto Pasquini, genannt „Bibi“, vor. Doch an den ist mit legalen Mitteln nicht so leicht heranzukommen. Bloss gut, dass die zwei damit noch nie Probleme hatten.
Was uns die Herren Ruggero Deodato (Regie) und Fernando di Leo (Idee und Drehbuchautor) hier vorsetzen, ist schon reichlich harter Tobak. Diese beiden Bullen noch als Gesetzeshüter zu bezeichnen, wäre die Übertreibung des Jahres. Ja, Alfredo und Antonio sind DIE spezielle Art von Polizisten, bei denen auch Dirty Harry und Commissario Ferro für eine Dienstaufsichtsbeschwerde plädieren würden. Okay, wir schreiben die 70er, und damals gehörte es zum guten Ton, dass man als „Cop“ schon mal die Gesetze etwas „dehnen“ musste, um mit dem ganzen neumodischen Abschaum an Psychopathen fertig zu werden. Doch von „dehnen“ kann hier keine Redemehr sein, nein, bei unseren zwei Herren hier haben sich sämtliche Gesetze schon lange nen Muskelfaserriss geholt. Und so drängt sich dem Betrachter die Frage auf: Wie kommt man auf so eine Geschichte?
Ich habe da zwei Theorien. Erstens: Di Leo hat sich mit lustigen Mittelchen selbst eingetütet und dann seinen Alpträumen freien Lauf gelassen. Zweite Möglichkeit: Das ganze ist tatsächlich eine Parodie. Da ich di Leo sehr schätze, widme ich mich einfach mal dem zweiten Punkt, und tatsächlich funktioniert das ganze so ziemlich gut. Alleine die beiden Hauptfiguren sind alles andere als Sympathieträger und werden als dümmliche Proleten mit einem ständig zuckenden Ersatzpenis aus Eisen gezeigt. Außer Ficken, Ballern und über Ficken und Ballern zu reden haben unsere zwei Buletten nicht zu bieten. So lacht man bei ihrer aufgesetzt kühlen Art und ihren pubertären Späßen nicht mit ihnen, sondern über sie. Di Leo muss sich diebisch amüsiert haben beim Schreiben, und setzt zum Schluss zum ganz großen Finale an: Denn nicht die beiden bringen den Mafiaboss um die Ecke, sondern lassen sich wie Anfänger in eine Falle jagen, was ihnen auch egal ist, da sie eh schon wieder schwanzdenkend an irgendeiner blonden Biene herumfingern, die man als dummen Köder auf sie angesetzt hat. Dass besagte Falle nicht zuschnappt, dafür sorgt der Chef der Spezialeinheit höchstpersönlich, obwohl der sich bisher im Film nur hinter einem Schreibtisch befunden hatte. Jedenfalls darf er „Bibi“ auf den Blocksberg schicken, und diesen Antihöhepunkt finde ich, aus charakteristischer Sicht wie auch aus persönlicher Überzeugung, recht gelungen. Keine Macht den Doofen – erst recht nicht, wenn sie ne Knarre haben, die auf Dauerfeuer gestellt ist!
So ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Film keine Charakterentwicklungen gibt und auch bei keiner der Hauptfiguren ein Wort über die jeweilige Vorgeschichte verloren wird. Wer immer noch den Intellekt einer Amöbe hat, kann sich seit seiner Pubertät nicht großartig weiterentwickelt haben.
Für eine Parodie sprechen zudem einige vollkommen übertriebene Szenen, beispielsweise die rollige Mätresse des Ganoven, die in ihrer Wohnung die beiden Dumpfbacken zum Spontan-Koitus überredet. Auch die Schiessübungen der Zwei im Dosenparcour mitten in der Heide sind einfach nur hübsch lächerlich. Also doch eine Parodie für den denkenden Bildungsbürger, für alle anderen ein „toughes Cop-Movie“ mit sympathischen Draufgängern und willigen Bräuten.

Abseits der inhaltlichen Ebene hat Deodato die Sache fest im Griff. Dass der Gute einst bei Rosselini in die Lehre gegangen ist, zeigt sich hier an seinem direkten Inszenierungsstil. Viele Handkamerashots und – als Hohepunkt – eine schwarzgedrehte und dadurch faszinierende Motorradverfolgungsjagd quer durch die Innenstadt Mailands (oder war es doch Rom?). Die Darsteller erledigen solide ihren Job – und auch der Gesang von Ray Lovelock fällt nicht negativ ins Gewicht.
„Uomini…“ ist ein merkwürdiger Film, der als Parodie ungemein zieht, da Deodato das Tempo hochhält und keine Langweile aufkommen lässt. Der deutsche Titel wirkt wieder einmal reichlich dümmlich, trifft es damit aber eigentlich schon wieder ganz gut. Jedenfalls steckt in den „heissen Öfen“ des Filmes mehr Leben und Gefühle (jau!) als in deren eiskalten Besitzern.

Dienstag, September 27, 2005

Haste Schwert, kannste wandern...

…bist du gelb wirst! – Cinevals Filmrolle, die 1.

Da ich merke, dass ich zeitlich unmöglich zu jeden von mir gesehen Film einen längeren Text schreiben kann (und manchmal auch nicht will, ha!) gibt’s von nun an in regelmäßig unregelmäßigen Abständen einen kleinen Film-Schnelldurchlauf in diesem meinem schönen Blog.

Die Todespagode des gelben Tigers
(Bao Biao / Have Sword, will travel)
HK 1969 101 Min
von Chang Cheh
mit David Chiang, Ti Lung, Chan Chueng, Cheng Lei
DVD (MIB)

Schwertkämpfer Siang und seine verlobte Piao Piao sollen den Transport von kaiserlichen Silbertalern sichern, der aber ein einem berühmt-berüchtigten Turm vorbeikommt, der von Banditen belagert wird. Unterwegs treffen sie auf Yi Lo, der den beiden seine Hilfe anbietet. Piao Piao findet den Kleinen ganz purzelig, und schon herrscht Stunk in der Bambushütte.

Chang Chehs früher Schwertkampffilm stellt den Betrachter auf eine harte Probe, denn die ersten gut 70 Minuten werden von den Irrungen und Wirrungen des Herzensreigens zwischen den drei Hauptpersonenen getragen. Das ist filmhistorisch durchaus interessant, gibt das ganze doch einen guten Einblick in den kulturellen Background und auf den Zeitgeist, in dem diese Filme damals entstanden. Wer genug Bereitschaft mitnimmt, das getragene Tempo des Filmes anzunehmen und auch über die teilweise recht heftigen melodramatischen Szenen hinwegzusehen, der bekommt in der letzten halben Stunde Action pur angeboten. Erstklassig choreographiert, inszeniert und ausgeführt, stellt auch dieser Film Chang Chehs („Das Schwert des gelben Tigers“) klar, dass in Sachen Ästhetik, Körperbeherrschung, Inszenierung und auch Brutalität die Shaw-Brothers damals weltweit die Nase vorn hatten. Dazu gehört natürlich auch der minutenlange, heftige und scheibchenweise Heldentod, damit der Liebesreigen wieder ins moralisch Reine kommt.

Die Nacht der rollenden Köpfe
(Passi di danza su una lama di rasoio / Death carries a Cane)
SPA/ITA 1972 88 Min
von Maurizio Pradeaux
mit Susan Scott, Robert Hoffman, Simon Andreu, George Martin
DVD (X-NK)

Die gute Kelly beobachtet durch ein Teleskop einen Mord. Durch eine Indiskretion der Polizei kommt die Sache in die Presse, was den Mörder folglich auf den Plan bringt. Da man bald Kellys Verlobten der Tat verdächtigt, machen sich beide zusammen auf die Suche nach dem mysteriösen Finsterling, der sich in der Zwischenzeit weiter durch die Besetzungsliste arbeitet.
Och ja, eingefleischte Gialli-Liebhaber werden an dem Filmchen ihren Gefallen finden. Aber auch nur sie, denn diese italienisch-spanische Co-Produktion stellt im Genre gerade mal Mittelmaß da. Den Hauptanteil daran trägt die reichlich lustlose und statische Inszenierung durch Maurizio Pradeux, dem nur selten spannende und atmosphärisch dichte Sequenzen gelingen. Die Szene mit dem vorzeitigen Ableben der Haushälterin im flackernden Kerzenlicht und das Finale stehen auf der Habenseite, unzählige unnötige Fickelszenen, lahme Dialoge und eintönige Mordsequenzen dagegen. Auch die Musik von Roberto Pregadio reißt in den Film mit ihrer Trötigkeit nach unten. Generell fällt dem Film sein augenscheinlich doch eher geringes Budget auf die Füße. Ohne das typische 70er-Jahre-Flair wäre der Film ein Fall für die Zelluloid-Guillotine, damit wenigstens ansatzweise hier irgendwas rollen würde. Sämtliche Darstellerköpfe bleiben natürlich auf ihren Schultern, aber derartig reißerische, aber filmfremde deutsche Synchrontitel waren damals durchaus nicht selten. Jedenfalls hätte „Die Nacht der aufgeschnippelten Kehlen weitaus besser gepasst.

Il Profumo della Signora in Nero
(The Perfume of the Lady in Black)
ITA 1974 100 Min
von Francesco Barilli
mit Mimsy Farmer, Mario Scaccia, Maurizio Bonuglia, Donna Jordan
DVD (Raro)

Silvia Hackermann, in einem chemischen Labor arbeitend, bekommt zusehends Probleme mit ihrer Wahrnehmung der Realität. Immer öfter befindet sie sich in Situationen und begegnet Personen, die sie an ihre Kindheit erinnern (oder aus selbiger kommen?). Dort wurde die kleine Silvia Zeugin eines tragischen Unfalls, deren Erinnerung daran wieder in ihr Bewusstsein zurückkehrt. Driftet sie wirklich zusehends in den Wahnsinn ab, oder spielt jemand ein fieses Spiel mit ihr?
Sicherlich, die Story klingt altbekannt und Genrefans werden den Schlusstwist im Wissen von ähnlich gelagerten Werken („Rosemarys Baby“ etc.) beizeiten vorausahnen können. Thematisch in der gleichen Kategorie wie Aldo Lados „Malastrana“ spielend, stellt auch „Profumo“ eher einen okkulten Horrorfilm mit Giallo-Einflüssen, als einen echten Beitrag zum italienischen Thriller dar. Wie man ihn auch immer einordnen möchte, feststeht dass der Film jede DVD-Sammlung aufwertet. Für einen Debütanten hat Francesco Barilli, hauptberuflich Drehbuchautor (zum Beispiel von „Chi l’ha vista moriere?“ von Aldo Lado, einem der besten Giallos überhaupt) stilistisch und inszenatorisch eine erstaunlich sichere Hand. Die Reminiszenzen an Argento, Bava und auch Lado sind augenscheinlich, trotzdem versteht es Barilli durch seinen klugen Bildaufbau mit einer Reihe von ausgesucht schönen Einstellungen und den gut placierten Kamerafahrten dem Film eine feine, unterschwellige Spannung und eine Atrmosphäre der stetigen Bedrohung, des Unheimlichen zu schaffen. Zu Hilfe kommt ihm dabei die Hauptaktrice Mimsy Farmer, die ihre selbstbewusste und zugleich unsichere Figur, die nach und nach mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird und darüber den Boden verliert, überzeugend auf die Leinwand bringt. Ein weiterer Pluspunkt ist die elegisch schöne Musik von Nicola Piovani, deren Kauf wiederum jedes CD-Regal aufwerten würde. Dass Barilli hier ordentliche Production Values zur Verfügung standen, zeigt sich zudem an der sauberen und präzisen Kameraarbeit von Mario Masini. All dies kommt auf der vorliegenden DVD bestens zur Geltung, so dass ich den Film allen Interessenten des Spaghetti-Kinos nur wärmstens ans Herz legen kann. Das die äußere Logik des Filmes nicht vorhanden ist, sollte kein Hinderungsgrund sein, dann damit ist es ja meistens vorbei, wenn sich ein Horrorfilm auf okkulten Pfaden befindet. Was bleibt ist: Diese Barilla-Nudel ist sehr "al dente" - im wahrsten Sinne des Wortes!

Sonntag, September 11, 2005

Bayern

Land of the Dead
USA 2005 93 Min
von George A. Romero
mit Dennis Hopper, Simon Baker, John Leguizamo, Asia Argento
Kino (UIP)

Die Toten haben sich über die Erde verbreitet und die Menschen gezwungen, sich in die Städte zurückzuziehen. Eine davon ist „Fiddlers Green“, ein gigantischer Gebaüdekomplex, in dem sich die herrschende Elite eingerichtet hat, während unten in den Slums das Elend vorherrscht. Doch auch die Untoten, abgegrenzt durch Zäune und Wasser, scharen sich um ihren Anführer „Big Daddy“ zusammen, um zum Sturm auf die Stadt anzusetzen.

Onkel Georgies Rasselbande ist wieder da. Immer noch langsam vor sich hin schlürfend, immer noch politisch kontextuiert, immer noch richtig gut. „Land of the Dead“ ist, obwohl beileibe nicht perfekt, doch einer der besten Horrorfilme des aktuellen Jahres. Anders als „Boogeyman“, „The Ring“, „The Grudge“ oder ähnliche Traumfabrikware ist Romeros Film eben kein oberflächlicher, seelenloser und kreuzdämlicher Möchtegern-Grusler, der alle 3 Minuten einen schrillen Soundeffekt braucht, um sein dramaturgisches und niveauvolles Versagen zu kaschieren und einem dort mit blöden Spezialeffekten bombardiert, wo eigentlich Platz für Atmosphäre und Grusel sein sollte.
Tatsächlich stellt sich bei Romeros viertem „Dead“-Eintrag zuweilen ein wohliges Gefühl ein, als wäre der ernste, handwerklich saubere und spröde, ungehobelte und noch nicht glatt polierte Charme der 70er und 80er Jahre - Horrorfilme wieder auferstanden. Herr Romero ist eben auch kein x-beliebiger Auftragsregisseur, sondern weiß halt, was das Wort „Horror“ bedeutet und was einen guten Horrorfilm ausmacht. Stimmungsvolle Bilder zum Beispiel, beginnend von der Titelsequenz, über die Stadtszenen, in denen wahlweise Riley und Charlie oder aber die einfallenden Zombies umherwanken bis hin zu den aus dem Wasser auftauchenden Untoten. Auch hier bewahrheitet sich: Es muss nicht neu sein, es muss gut umgesetzt sein! Auch hat es Romero nicht notwendig, gerade in den Actionszenen mit der Kamera rumzuwackeln, um dem Kinozuschauer eine verkrampfte Ahnung von Hektik und Aufregung zu vermitteln (An der Stelle schöne Grüsse ans Remake, dass gerade hierin seine stilistische wie auch handwerkliche Hauptschwäche hatte). Nein, genau genommen ist der Film sogar recht statisch inszeniert. Ob das als eine Reaktion auf eben jenen aktuell grassierenden und schon lange zum Klischee verkommenden Wackelstil aufgefasst werden kann? Jedenfalls wird dem Zuschauer dass heutzutage seltende Privileg gewährt, eine gelungene Kameraeinstellung zu bewundern, die länger als 3 Sekunden andauert. Auch der Soundtrack vom „Lola rennt“ Team Johnny Klimek und Reinhold Heil kann sich hören lassen und passt sich gut in die Reihe nach Goblin und John Harrison ein. Endlich mal wieder ein Horrorfilm ohne stussige Rocksongs (Tach, Herr Snyder!).

Okay, mit seinen zeitlichen Konkurrenzprodukten fährt Romeros ordentlich Schlitten, doch wo steht der Film innerhalb seiner Serie? Definitiv wird man den Film sowieso erst mit etwas zeitlichem Abstand einordnen können. Fest steht aber schon jetzt, dass „Land“ keineswegs perfekt ist. So verhalten sich die Figuren in Fiddlers Green, die sowieso schon alle schablonenartig gestrickt sind (die Ausnahme bildet da noch Charlie in seiner naiven, einfachen, aber doch liebenswerten Art, eine der besten Charaktere, die seit einer langen Zeit in einem Horrorfilm aus Hollywood zu sehen war), im Film weitesgehend stereotyp. Hier findet auch die Akzentverschiebung, die Weiterentwicklung innerhalb der Serie statt: Was „Bub“ in „Day of the Dead“ andeutete, stellt „Land“ noch stärker heraus. Die Lebenden scheinen am Ende ihrer Entwicklung angekommen zu sein, demnach können sich eigentlich nur noch die Untoten weiterentwickeln. Wenn einem dieses Gedankenkonstrukt gefällt, welches ja über das Ende hinaus aufrecht erhalten wird (man denke an die neuen Hausherren in „Fiddlers Green“, die schon genauso viel Heimtücke und Machtgier im Blick haben wie die Alten), dann sind die eindimensionalen menschlichen Charaktere nahezu zwingend und notwendig. Nein, der Hauptkritikpunkt liegt woanders: Der Film ist schlicht und ergreifend zu kurz. Ich hatte speziell in den ersten 15 Minuten das Gefühl, dass Romero in der Kinoversion schnell zur Sache kommen, rasch die Konflikte aufbrechen wollte. Zumindest wirkte der Anfang reichlich sprunghaft, ich hätte mir mehr einführende Sequenzen gewünscht, die dass soziale und gesellschaftliche System „Fiddlers Green“ deutlicher aufzeigen und akzentuieren, inklusive einer größeren Präsenz vom Obercheffe Kaufman Es würde mich zumindest nicht überraschen, wenn dort ein Großteil der zusätzlichen Szenen des kommenden Directors Cut zu finden sind. Selbst wenn dem so wäre, würde es das Problem nur punktuell verkleinern: Dem Film hätte mehr Story besser zu Gesicht gestanden.
Auch die politischen Kommentare dürfen natürlich im vierten Film nicht fehlen. War „Night“ ein Kommentar zum Thema Vietnamkrieg und den Rassenunruhen, „Dawn“ ein ironischer Abgesang auf die Konsumgesellschaft und die von ihr Ausgeschlossenen, „Day“ eine Abrechnung mit der Militarisierung unter der Reagan-Ära, so fährt „Land“ nicht weiter überraschend seine Angriffe gegen die Bushregierung und deren verhängnisvolle Politik für das Land. Der soziale Frieden ist dahin, die Kluft zwischen „Arm“ und „Reich“ schon längst gigantisch – und Romero zeigt, wohin dies führen kann – und wahrscheinlich auch wird. Die Verlierer dieser Politik werden sich zusammenrotten, aufbegehren und zum „Sturm auf die Bastille“ (Kaufman) antreten, sobald sie nur einen Anführer (Big Daddy) gefunden haben. Viele Enttäuschte werden sich vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten frustriert abwenden und woanders ihr Glück versuchen (Cholo, Riley). Auch zum Thema Hautfarbe gibt Romero durch die Rollenverteilung seinen subjektiven Blick auf den Ist-Zustand der USA wieder. In der privilegierten Welt der Reichen und Mächtigen kann es ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe höchstens bis zum Butler bringen, ein Klassendenken, dass der einfachen Schicht (den Zombies) fern liegt. Und wo die Reminiszenz bei den Uniformen des Wachschutzes liegt, ist dann auch mehr als überdeutlich (noch deutlicher war eigentlich nur noch „Starship Troopers“). All diese Subtexte werden von Romero wie immer mit dem Holzhammer dargeboten (O-Ton Kaufman: „Wir verhandeln nicht mit Terroristen!“), was für Romero typisch ist, jedoch ins Bild passt, da es doch so zu seien scheint, dass eine subtilere Behandlung solcher Themen bewirkt, dass sie das normale (US-) Publikum nicht erkennt (wie anders ist die marktschreierische Art Michael Moores und sein darauf basierender Erfolg sonst zu erklären?)

„Land of the Dead“ kann sich sehen lassen. Trotz Schwächen im Drehbuch ist der Film eine gute, logische und konsequente Weiterentwicklung der romeroschen Untoten-Serie, die zudem beweist, dass es Georgie als Regisseur immer noch drauf hat. Und wenn ich mir die gelungenen graphischen Effekte der KNB-Group um Frontmann Greg Nicotero anschaue – und dies mit der hiesigen Freigabe verbinde, so müssten auf der Stelle die beiden filmischen Vorgänger hierzulande aus dem Giftschrank geholt werden. Jedenfalls haben sich durch diese erteilte FSK-Freigabe nun endgültig die alten Verbotsbegründungen überlebt.

Freitag, September 09, 2005

Vogelgrippe: Final SARS

Godzilla – Final Wars
(Gojira: Feinaru uôzu)
JAP/ AUS / USA / CHI 2004 125 Min
von Ryuhei Kitamura
mit Masahiro Matsuoka, Rei Kikukawa, Akira Takarada, Don Frye
Kino [Toho (Fantasy Filmfest)]

Oh ihr Erdenmenschen passet auf – die Xiliens sind da! Anfangs noch im Gewand von friedliebenden Außerirdischen, lassen sie schon sehr schnell die Hosen fallen: Unseren Planeten wollen sie als riesengroßen Bauernhof, mit den Menschen als Nutzvieh. Dazu haben sie sämtliche TOHO-Monster plus die olle Emmerich-Schabracke in ihre Gewalt gebracht. Einige Wissenschaftler und die „Earth Defense Force“ wollen aber den Spitzenplatz in der Nahrungskette nicht kampflos frei geben – und so kommt ihr unkonventioneller Mitarbeiter und Kutterkäpt’n Douglas Gordon auf DIE bahnbrechende Idee überhaupt:

Was Käpt’n, wir sollen Godzilla aus dem arktischen Eis befreien, damit er gegen die Monster kämpfen und sie vernichten kann? In der Zeit sollen wir die Hauptbasis der Xiliens angreifen und sie in die Galaxis zurück schiessen? Und dann sollen wir Godzilla wieder im arktischen Eis begraben? Ist das ihr Plan?!? --- YEAH!!!

Wie man sieht kommen Amis meistens auf logisch nachvollziehbare, wohl durchdachte realistische Pläne mit kalkulierten Risiko und hoher Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Durchführung. Ist ja klar: Big G ist grad 50 geworden, da brauch man schon ein besonderes Geschenk zum Jubiläum. Da Sie wie alle Damen diesen Alters gerade ihre Wechseljahre und Mid-Life-Crisis hat, ist sie nicht wirklich gut drauf. Daraus folgt: Es gibt was uff’n Nüschel!

„Godzilla: Final Wars“ macht Spass! Zum Abschluss der dritten Staffel gibts eine knallige Burzeltags-Party und alle alle sind gekommen, um sich von der Grand-Dame aller Riesenviecher persönlich ne Jubiläums-Schelle abzuholen. Das ganze hat ordentlich Tempo, einen guten Soundtrack von Keith Emerson und Darsteller, die die Idiotie der Story hervorragend unterstreichen. Denn bitte – ein Godzi-Film ist nur echt mit pilzerauchenden Drehbuchautoren. Selbst Rührei Kitamura kann dem Film nichts anhaben, da seine Regie-unfähigkeit hier hervorragend ins Gesamtbild passt. Ich hab ja nie verstanden, warum Kitamura so eine gute Reputation bei vielen Asia-Guckern hat. „Final Wars“ ist da ein weiteres Beispiel für den typischen Kitamura-Stil: selbstzweckhaftes Kameragespiele und eine wirre Auflösung der Actionszenen (man siehe sich nur das „Fussball-Spiel“ zwischen Godzilla und zwei Mitmonstern an!). Hauptsache hip und cool! Leider ist seine hektische Regie wenig dazu angetan, dem 2-h-Film ein paar kleine Verschnaufpausen zu gönnen, so dass doch gegen Ende eine gewisse Überreizung einsetzt. (Mir taten in den Zusammenhang die armen Filmfest-Besucher leid, die unterhalb der achten Reihe im Kino saßen.)
Ansonsten ist das Drehbuch durchaus gelungen. Godzilla ist hier eine gelungene Mischung beider verschiedener Ansätze. Sie ist durch und durch böse, wird aber trotzdem zum Retter der Menschheit, wenn auch, und hier ist der Unterschied zu den ganzen niedlichen Monstersmashern der End-60er und frühen 70er Jahre, von ihr unbeabsichtigt und nur durch menschliche List dazu getrieben. Ein Ansatz, der mir persönlich gefällt. Auch werden einige Reminiszenzen an die alten Toho-Filme sowie an aktuelle Ami-Sci-Fi-Heuler in die Runde geschmissen. Da wird schon mal deutlich sichtbar ein Spielzeugpanzer zertrampelt und Godzillas Sohn Minya variiert in seiner Größe zwischen der eines Kindes (wie im von Fans meistgehassten Film der Serie „Godzillas Revenge“) und der eines wirklichen Monsternachwuchses (wie bei seinen ersten Leinwandauftritten). Zudem gibt es Anspielungen auf X-Men und Konsorten – und die doofe Emmerisch-Echse „Zilla“ kriegt vom Original ne Abreibung. Klar, wer lässt sich schon gerne von einem blöde aussehenden Doppelgänger verarschen. Jedenfalls darf sich der Bastard den wohlverdienten Prankenhieb abholen und findet sich ratzfatz unter einem Hochhaus im Grab der unnötigen Plagiatmonster wieder. „Ich wusste, dass dieses Erdenmonster nutzlos ist!“ schmollt da der Ober-Xilien. Ein paar nette One-Liner, hauptsächlich von Don Frye vorgetragen, hat der Film auch noch zu bieten. Die sorgen zwar nicht für Lachkrämpfe, sorgen aber für angenehme Kurzweil, bis die grüne Dicke nach einer Stunde die Leinwand betritt.

Kurzum: wer Godzilla-Filme mag, auf handfesten Monstertrash abfährt und alle seine Lieblingsmonster aus den damaligen Kindervorstellungen im Kino um die Ecke wieder sehen will, kommt beim finalen Kampf der Mutterechse auf seine Kosten, sofern er im oberen Teil des Kinos sitzt. Aber ich schätze mal, dass der deutsche Anbieter Splendid Big-G wohl gleich auf DVD loslässt.

In diesem Sinne: „Listen kid, there are two things you didn't know about the Earth. One is me. And the other is... Godzilla.“ (Douglas Gordon)